Etty - TV-Serie in der Arte-Mediathek
Das Leben der jüdischen Schriftstellerin Etty Hillesum als verstörend gegenwärtige Geschichte
Die neue TV-Serie "Etty" zog mich sofort in ihren Bann. Basierend auf den Tagebüchern der jüdischen Niederländerin Etty Hillesum hat der israelische Regisseur Hagai Levi eine ebenso verstörende wie tief berührende filmische Annäherung geschaffen.
Wer die Tagebücher und Briefe Etty Hillesums kennt, ahnt, dass diese Geschichte keine leichte Kost ist. Auf Heilnetz.de habe ich ihre Texte bereits in einem eigenen Artikel vorgestellt. Und doch überrascht die Serie auf radikale Weise.
Immer wieder fragte ich mich beim Zuschauen: Was gehört hier eigentlich noch zur Vergangenheit – und was längst zur Gegenwart? Ein Kunstgriff des Regisseurs, denn Levi verzichtet auf eine klassische historische Inszenierung: Etty, eindringlich gespielt von Julia Windischbauer, bewegt sich nicht durch das Amsterdam der 1940er-Jahre, sondern auf einem modernen Citybike durch die heutige Stadt.
Zwischen Gegenwart und Erinnerung
Die Geschichte spielt in der Gegenwart – und dennoch scheint die Zeit aus den Fugen geraten zu sein. Moderne Straßenbahnen fahren durch die Stadt, Wohnungen und Straßenzüge entsprechen der heutigen Zeit, nur Smartphones und digitale Geräte fehlen.
Die Zeichen von Krieg und nationalsozialistischer Herrschaft bleiben dabei oft subtil. Denn Levi arbeitet weniger mit offenem Schrecken als mit einer Atmosphäre schleichender Verunsicherung und Bedrohung. Die Gefahr ist deutlich spürbar, oft gerade dort, wo äußerlich kaum etwas geschieht.
Diese stille Inszenierung entfaltet eine enorme Wirkung. Die Ausgrenzung der Jüdinnen und Juden geschieht Schritt für Schritt, beinahe beiläufig – und genau deshalb wirkt sie besonders bedrückend.
Schreiben als Weg zur Menschlichkeit
Die junge Studentin Etty Hillesum leidet unter innerer Unruhe, Ängsten und depressiven Zuständen. Sie erscheint widersprüchlich, impulsiv und voller Sehnsucht. Ihr erster Besuch beim Psychoanalytiker Julius Spier, dargestellt von Sebastian Koch, setzt einen tiefgreifenden Prozess der Selbstbefragung und Wandlung in Gang.
Spier, der aus Deutschland emigrieren musste, arbeitet mit unkonventionellen Methoden. Gespräche, Berührungen, Deutungen, Körperübungen und Rituale eröffnen der jungen Frau einen tiefgehenden Zugang zu ihrer Innenwelt. Das Schreiben wird für sie zu einem inneren Ort der Sammlung – zu einem Versuch, im äußeren Chaos menschlich zu bleiben.
Etty wird nicht als Heilige dargestellt. Julia Windischbauer spielt sie mit großer Offenheit und Verletzlichkeit. Ettys Entwicklung bleibt tastend und prekär. Gerade dadurch wird die Figur so glaubwürdig.
Auch Sebastian Koch überzeugt als charismatischer Julius Spier. Zwischen beiden entwickelt sich eine außergewöhnliche Liebesbeziehung, geprägt von großer Intimität. Levi interessiert sich dabei weniger für äußeres Drama als für die feinen emotionalen Verschiebungen zwischen zwei Menschen.
Während sich die politischen Verhältnisse immer weiter verschärfen, entwickelt Etty eine Haltung, die weder heroisch noch weltfremd wirkt. Sie versucht, dem vorherrschenden Hass nicht selbst mit Hass zu begegnen.
Kein klassisches Geschichtsdrama
Die Serie „Etty“ widersetzt sich bewusst unseren heutigen Sehgewohnheiten. Statt schneller Zuspitzungen entwickelt sie einen ruhigen, fast kontemplativen Rhythmus, der Raum lässt für Zwischentöne, Unsicherheit und innere Prozesse.
Etty Hillesum meldete sich schließlich freiwillig zum Einsatz im Durchgangslager Westerbork, um anderen Menschen beizustehen. 1943 wurde sie gemeinsam mit ihrer Familie in Auschwitz ermordet. Sie war erst 29 Jahre alt.
Doch die Serie endet nicht mit ihrem Tod, sondern mit ihrer Haltung zum Leben. Gerade darin entfaltet sich ihre tiefste Wirkung. Als Zuschauerin werde ich in eine ungewöhnlich intensive Auseinandersetzung mit Themen wie innerer Freiheit, Spiritualität und der Frage einbezogen, was Menschlichkeit unter extremer Bedrohung bedeuten kann.
Die Kraft eines "denkenden Herzens"
Vielleicht liegt genau darin die große Kraft Etty Hillesums – und auch dieser Serie: in der stillen Erinnerung daran, dass Mitgefühl, innere Wachheit und ein „denkendes Herz“ selbst dort möglich sind, wo Angst und Entmenschlichung immer stärker werden.
Die sechsteilige Serie "Etty" ist noch bis zum 12. November 2026 in der Arte-Mediathek verfügbar.
Ein Artikel von
Martina Seifert
33617 Bielefeld
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