Das heilige Paar auf dem Großrelief

Germanischer Schamanismus

Das heilige Paar auf dem Großrelief

von GastautorIn

Bei Interesse an Schamanismus können wir uns nicht nur außereuropäischen SchamanInnen zuwenden, sondern auch der Wiederentdeckung unserer Wurzeln und ihrer Spuren im germanischen Schamanismus. Das ist ein Weg, um die von den christlichen Eroberern der germanischen Stämme zerstörte Kontinuität unseres Fühlens und Denkens über unsere Geschichte und Herkunft wieder herzustellen und die zerstörten Verbindungen mit unseren vorchristlichen Wurzeln und der vorchristlichen Spiritualität und Kultur unserer Vorfahren zu heilen.

Auch in ihrer jetzigen Gestalt gehören sie zu den besonders anziehenden, beeindruckenden und mit jährlich rund 500 000 viel besuchten unter den europäischen Kraftorten.  Auch wenn also ihre hohe Energie bis heute spürbar ist – wer genauer hinsieht, wird leicht die Spuren zerstörerischer Sprengungen an den Externsteinen erkennen wie den Abbruch an der Wand der Höhenkammer mit dem Sonnenloch, der auf das Fehlen einer weiteren Wand und der Decke verweist, und mehrfach Treppenstufen, die ins Leere führen.

Zentrales germanisches Heiligtum

Diese immer noch so beeindruckenden Felsen waren also viel mächtiger und kunstvoller gestaltet, bis Karl der Große im Jahre 772 in Sachsen, dem heutigen Westfalen, einfiel, zunächst den sächsischen Lebensbaum Irminsul zerstörte, der als heilige Säule nahe der Eresburg (heute Obermarsberg) stand,  und schließlich nach langem Widerstand durch den Sachsenführer Widukind die Externsteine 785 an bedeutsamen Stellen sprengen ließ, weil sie das zentrale germanische Heiligtum waren (U. Henze, Osning – Die Externsteine). Das verschwiegene Heiligtum Deutschlands und die verlorenen Wurzeln europäischer Kultur, 2006). Warum wissen wir so wenig von dieser Zerstörung? Nun, die vielen Kinder, die wie ich in ihrer frühen, besonders einprägsamen Schulzeit von Widukind und seinem Kampf zur Rettung dieses Heiligtums gehört haben, haben in der Regel nur gelernt, dass der christliche Kaiser Karl auch den letzten barbarischen Germanenstämmen um Widukind endlich das Christentum und Kultur gebracht hat und von der Kirche heiliggesprochen wurde. Und sie lernen bis heute, durch offizielle kirchliche und staatliche Stellen vorgegeben, Geschichten wie diese vom Volksmund bis heute „das Bergwunder“ genannte: Widukind bat eines Tages bei einem Ritt über den Kamm des Wiehengebirges um eine Antwort auf die Frage, ob er sich taufen lassen solle. Da habe sein Pferd einen Stein losgetreten, unter dem eine Quelle entsprang – sehr wahrscheinlich war an der Stelle ein sächsisches Quellheiligtum. Das habe er als das erbetene Zeichen genommen und sich taufen lassen. An dieser heute zu Bad Oeynhausen gehörenden Stelle habe er in Dankbarkeit eine Holzkirche erbaut, die inzwischen durch eine steinerne Kirche mit derselben Widmung ersetzt ist.

Hier wird also seit Jahrhunderten Widukind zugeschrieben, er selbst habe einen den vorchristlichen Sachsen heiligen Ort mit einer christlichen Kirche bebaut. Auch das Widukind-Denkmal in Herford „erinnert“ an „das Bergwunder“ und verschleiert damit Widukinds Ermordung. Der Kreis Herford nennt sich auch Widukindkreis. Zweifellos hat der mörderische mehr als 30jährige Krieg Karls des Großen gegen die germanischen Stämme ein historisches Trauma bewirkt, ein über die Generationen hinweg wirkendes kollektives schwerstes psychisches Trauma mit einer über die Generationen hinweg wirkenden Verdrängung der katastrophalen Erinnerungen, Gedanken, Gefühle und  extremen Ängste, um seelisches Überleben zu ermöglichen. Zudem gab es in der Folge immer wieder Aktivierungen und damit Vertiefungen dieses kollektiven historischen Traumas durch kirchliche Institutionen mit und ohne staatliche Mitwirkung wie die Inquisition und die „Hexen“verfolgung. Es neigen etwa ein Drittel ehemals schwer misshandelter, schwer traumatisierter Menschen, wenn sie keine Heilung finden,  dazu, die erlittene Gewalt an andere weiter zu geben, und etwa zwei Drittel von ihnen geben ohne Heilung ihre aus der extremen Opfererfahrung resultierende Opferhaltung weiter, jeweils natürlich auch an ihre Kinder, an die nächste Generation, die dadurch ebenfalls traumatisiert wird und das ihren Kinder weitergibt  (Barbara Diepold, Manfred Cierpka: Der Gewaltzirkel: wie das Opfer zum Täter wird (1997). Auf diese Weise werden auch die folgenden Generationen traumatisiert.

Erinnerung an vorchristliche Ahnen

Es ist höchste Zeit, dass wir dieses Trauma heilen, dessen Spuren wir in uns tragen, solange es keine würdigenden, heilenden Zeremonien, kein gemeinsames Trauern um dieses Schicksal unserer Ahnen gibt. Solange wird es schwerfallen, uns von dieser gewaltsamen Manipulation der Erinnerung an unsere vorchristlichen Ahnen zu befreien, die Wahrheit über Widukind aufzudecken, sie zuzulassen, bewusst zu halten und ihm so seine Würde wiedergeben und uns die unsere.

In der ersten Hälfte 2008 haben sich die Regierungen  von Australien, Kanada und Neuseeland bei den Ureinwohnern ihrer Länder für die Brutalität entschuldigt, mit der sie diese im Verbund mit christlichen Kirchen ihrer schamanischen Spiritualität, Kultur, oft auch ihres Landes beraubt haben und ihre Kinder in christlichen Internaten misshandelt und missbraucht worden sind. Dieser weltweite Vernichtungsfeldzug christlicher, später säkularer Staaten in Allianz mit christlichen Kirchen gegen nichtchristliche Stämme und Völker hat also vor vielen hundert Jahren bereits ähnlich brutal den germanischen Schamanismus vernichtet und - wie in den folgenden Jahrhunderten immer wieder - das Wissen über diese  Vernichtungen und Zerstörungen soweit wie möglich gelöscht und unterdrückt (vgl. R. Otto-Walter, Das Heilige Paar, in connection  Special Nr. 83, 7/2008). Das macht das Erinnern dieses kollektiven Traumas sehr schwierig und ermöglicht so kirchlichen und staatlichen Stellen bis heute eine kaum kritisierte Deutung der beiden Großreliefs am ersten Hauptfelsen der Externsteine als korrekt zu verbreiten, die bei unbefangener Betrachtung nicht haltbar ist. 

Widukind heißt Wald Kind, Kind des Waldes war damals eine Bezeichnung für den Wolf

Der Wolf war und ist nicht nur bei den Germanen der Hüter der Schwelle zur Anderswelt. Widukind hatte keinen Eigennamen, sondern einen unpersönlichen Namen wie ihn bis heute Schamanen haben.  Er war also nicht nur der Anführer seines Stammes der Sachsen im heutigen Westfalen.         Er war sehr wahrscheinlich auch Schamane und ihr spiritueller Führer. Mit großer Tapferkeit führte er mit Unterstützung weiterer germanischer Stämme, der Westfalen, Ostfalen, Engern, Nordalbingier, Friesen den sächsischen Widerstand gegen die Eroberer seit 772, dem Jahr, in dem Karl der Große das sächsische Kultheiligtum Irminsul zerstören ließ., bis ins Jahr 804 in den großen Schlachten an der Hase und bei Detmold nahe den Externsteinen. Einhard bezeichnete in den fränkischen Reichsannalen Karls Feldzüge gegen die Sachsen als die bis dahin längsten und  grausamsten Kampfhandlungen der Franken.

Widukind konnte schließlich nicht mehr verhindern , dass abertausende von Sachsen vertrieben, deportiert, als Sklaven verkauft und bei Verweigerung der christlichen Taufe umgebracht wurden. In den fränkischen Einhardsannalen, der überarbeiteten Fassung der Reichsannalen, ist die Weisung vermerkt, dass der Krieg gegen die Sachsen so lange geführt werde, bis sie sich dem christlichen Glauben unterworfen hätten oder ausgerottet seien. Bei Verden an der Aller ließ Karl der Große 4200 Sachsen gleichzeitig ermorden. Angeblich ließ sich Widukind 785 in Attigny taufen. Danach gibt es keine gesicherten Informationen mehr über Widukind. Er verschwindet aus den historischen Quellen. Allerdings werden in späteren Quellen noch elf weitere Tauforte wie die Hohensyburg, Paderborn und Worms genannt.

Die christliche Umdeutung

Sein plötzliches Verschwinden aus den Quellen, diese große Unsicherheit über seinen Taufort und dass keine gesicherte Grabstätte bekannt ist., lassen darauf schließen, dass Karl der Große den machtvollen Gegner heimlich umbringen ließ, sobald er sein Ziel der Unterwerfung und Christianisierung der Sachsen erreicht hatte. Laut Kaiserchronik wurde Widukind von Gerold von Schwaben, dem Schwager Karls des Großen, erschlagen. Da die Anhänger germanisch-schamanischer Spiritualität ermordet wurden, nimmt nicht Wunder, dass die Bedeutung der Externsteine als ein Zentrum dieser Spiritualität fast völlig in Vergessenheit geriet.

Viel bekannter und gut dokumentiert ist nur ihre anschließende christliche Nutzung durch Umdeutung der beiden zentralen Reliefs am ersten Hauptfelsen dort zu einem Relief der Kreuzabnahme. Das untere, durch seine starke Verwitterung als viel älter erkennbare germanische Relief, das ein an Kopf und Schwanz gefiedertes Schlangenwesen mit zwei Flügeln am oberen Hals und ein einander zugewandt knieendes Menschenpaar zeigt, wurde fortan als Adam und Eva im Sündenfall gedeutet. Das hat es wahrscheinlich vor der Zerstörung gerettet, aber zugleich extrem und bis heute unwidersprochen erfolgreich entwürdigt.        

Dr. Renate Otto-Walter, Soziologin, Gesprächspsychotherapeutin i.R   
renateottowalter@yahoo.de 

Dieser Text ist Teil 1 einer Kurzfassung ihres in der Ausgabe 78 /März 2019 der Zeitschrift für  Wissenschaft, Politik & spirituelle Kultur Tattva Viveka veröffentlichten Artikels "Germanischer Schamanismus und die heiligen Paare auf den Großreliefs an den Externsteinen“. Die erweiterte Fassung sendet sie auf Anfrage zu.

Vielen Dank an die Autorin für die freundliche Überlassung des Textes, die weiteren Inhalte folgen.

Ein Artikel von Renate Otto-Walter

Zum Profil von Renate Otto-Walter
 

 

Mehr Good News ►

Zurück