Mit Olga Martynova Tod und Trauer erkunden

Gespräch über die Trauer

Mit Olga Martynova Tod und Trauer erkunden
© Pixabay

von Martina Seifert, Texterin, Lektorin, Yogalehrerin

Lässt sich die Trauer um einen geliebten Menschen in Worte fassen? Kann Trauer verarbeitet, durchschritten und "losgelassen" werden? Oder bleibt die Trauer für immer Teil unseres Lebens? Olga Martynova gibt in ihrem Buch "Gespräch über die Trauer" keine Antworten. Vielmehr lässt sie uns an ihrem inneren Dialog mit sich selbst und zahlreichen anderen Trauernden in der Literatur teilhaben, tröstet, dort, wo wir untröstlich zu sein scheinen.

Sprechen über Tod und Trauer

Der Tod bleibt für die meisten von uns unbegreiflich. Stets jenseitig, entzieht er sich uns, sobald wir versuchen, uns ihm zu nähern. Verlieren wir einen geliebten Menschen, werden wir gewaltsam mit dem Phänomen des Todes und der Trauer konfrontiert. Auch wenn uns diese Grenzerfahrung zunächst in die Sprachlosigkeit führt, suchen wir irgendwann den Dialog, um schließlich festzustellen, dass es in unserer Welt an Räumen fehlt, um mit anderen über das Unaussprechliche zu sprechen. Denn das Gespräch über Tod und Trauer hat mit alltäglichen Gesprächen nichts gemein.

Literatur als Raum für Trauernde

Literatur ist in gewisser Weise ein Vehikel für die Themen Tod und Trauer. Sie kann uns Trauernden einen Raum bieten, der in der nicht-literarischen Welt nicht existiert, einen geschützten Rahmen, in dem Tod und Trauer den ihnen gebührenden Platz finden. Uns wird bewusst, dass es unzählige andere Menschen gibt, die dasselbe wie wir erlebt haben, auch wenn jeder Trauerprozess einzigartig ist.

Mit der Trauer leben

Hier findet sich auch das Motiv von Olga Martynova, ihre Erfahrungen mit der Trauer in ihrem Buch „Gespräch über die Trauer“ niederzuschreiben: "Das Bedürfnis zu wissen, wie andere Trauernde damit umgehen, was man nicht umgehen kann.“ Dabei handelt es sich formal betrachtet um Tagebuchaufzeichnungen von 2018 bis 2022. Die Chronologie und die tagebuchähnliche Struktur wird allerdings immer wieder durchbrochen von Auseinandersetzungen mit Auszügen aus der Trauerliteratur. Texte anderer Trauernder durchwirken ihre persönliche Trauererfahrung, - von Julian Barnes über Roland Barthes, Teilhard de Chardin, Joan Didion, Hölderlin, Lévinas bis hin zu Novalis, Ovid und Vergil.

Die Autorin verschafft sich selbst und damit auch uns Leser:innen einen tiefen Einblick in die individuellen und facettenreichen Wege, die Menschen gewählt haben, um mit dem Verlust eines geliebten Menschen umzugehen. Wir erfahren, dass es keine Trauer gibt, die der anderen gleicht: "Alle Trauernden sind auf ihre je eigene Weise todtraurig."

Trauer als individueller Prozess

Mit diesen von Olga Martynova kunstvoll neu formulierten Worten Tolstois legt sie den Grundstein für ihr Buch. Sie sucht nicht nach einer Formel, um ihren Verlust zu bewältigen. Vielmehr erfährt sie Trauer als einen hochpersönlichen Prozess, der sich auf vielfältige und oft überraschende Weise vollzieht. Modelle oder Rituale zum Umgang mit dem Tod können niemals allgemeingültig sein. Geschichten hingegen funktionieren über Empathie: wir vollziehen das Erleben der Trauernden nach, fühlen mit ihnen und mit uns selbst, ohne in Mitleid zu verfallen, und erfahren Momente des Trostes, dort, wo wir untröstlich zu sein scheinen.

Eine poetische und tiefgründige Schreibweise verleiht dem tagebuchartigen Essay von Olga Martynova seine besondere Intensität. Die Autorin wechselt meisterhaft zwischen ihren persönlichen Empfindungen und Gedanken über die Trauer, die geprägt sind von paradoxen Wahrnehmungen und bemerkenswerten Einsichten, - Pinselstriche, mit denen sie ein eindrucksvolles Bild der Trauer malt. Die Grenzen zwischen uns selbst und anderen, zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Leben und Tod werden durchlässig. Trauer erweist sich, mit den Worten Olga Martynovas gesprochen, als "temporale Anomalie einer Grenzerfahrung", die sich gewohnten Maßstäben und Kategorien vollends entzieht.

Fazit

Olga Martynovas "Gespräche über die Trauer" ist ein bemerkenswertes und intellektuell anspruchsvolles Werk, das die Individualität der Trauer zelebriert und gleichzeitig in einen faszinierenden Dialog mit der Literatur über das Trauern tritt. Das Buch erinnert uns daran, dass wir alle auf unsere ganz eigene Weise trauern und dass die Trauer ein einzigartiger Prozess ist, der uns in die Tiefen der menschlichen Existenz führt.

Das Buch "Gespräch über die Trauer" von Olga Martynova erhältst Du im Buchhandel vor Ort oder auch bei buch7.de, dem Online-Buchhandel mit sozialer Seite.


Olga Martynova
Gespräch über die Trauer
Gebundene Ausgabe
2023
S. Fischer Verlag GmbH
25 €

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