Heilnetz-Thema des Monats: Dunkelheit

Dunkle Nacht der Seele

Heilnetz-Thema des Monats: Dunkelheit
© Pixabay

von Martina Seifert, Texterin, Lektorin, Yogalehrerin

Eine dunkle Zeit, dieser November. Immer länger werdende Nächte, die sich bis in den Tag hinein ausdehnen und bereits am Nachmittag wieder ihr samtschwarzes Tuch ausbreiten.

Die verheißungsvolle Nacht

In der Mythologie, der Poesie und der Mystik wird der Nacht viel Beachtung geschenkt. Sie gilt als Zeit der Erholung, der Ruhe, der Erneuerung und auch als eine Zeit der inneren Reinigung und Befreiung. Aber die Nacht ist auch die Zeit der Bedrohung und der Angst, der Enge und Ohnmacht. Die Nacht kann die Zeit der Stille und des Schweigens sein, aber auch die Zeit heimlicher Begierden. Sie kann eine Zeit der Verheißung sein, denn irgendwann wird die Nacht enden und der Tag hereinbrechen.

Dunkle Nacht

Das Bild "die dunkle Nacht der Seele" ist den meisten von uns bekannt. Häufig benutzen wir diese Metapher zur Beschreibung von existenziellen Krisen. "Die dunkle Nacht der Seele" wird vor allem mit Johannes vom Kreuz (1542 – 1591) in Verbindung gebracht, einem der bekanntesten christlichen Mystiker.

Johannes vom Kreuz hat seine mystischen Erfahrungen in einem umfangreichen lyrischen Werk festgehalten. 1577 von konservativen Karmelitern entführt wurde der spanische Karmeliter aufgrund eines Komplotts in der spanischen Stadt Toledo ins Klostergefängnis gesperrt. Hier schrieb er unter anderem das berühmte Gedicht "Dunkle Nacht".

"In einer dunklen Nacht
Voller Sehnsucht in Liebe entflammt
Oh glückliches Geschehen!
Entkam ich unerkannt
Als mein Haus schon stille lag."
(aus: Boldt, Johannes. Johannes vom Kreuz. Walter Verlag, Olten - Freiburg im Breisgau, 1980)

Neun Monate verbrachte Johannes im düsteren Klosterkerker - ohne geistigen Beistand oder Trost. Neben der Angst vor der Leere, dem "horror vacui", erlebt er die Zeit der Gefangenschaft als eine Zeit der Läuterung. In der Dunkelheit des Verlieses erfährt er die Allgegenwart Gottes.

Zen-Koan - Die Kerze

Auch im Zen Buddhismus findet sich die dunkle Nacht als Metapher für die Zeit, in der das Verheißungsvolle, die unerwartete Erkenntnis sich ereignen kann. In der berühmten Koan-Sammlung "Mumonkan. Die torlose Schranke" des Zen-Meisters Mumon heißt es im "Fall 28: Ryûtans Name hallt seit langem nach":

„Tokusan bat eines Nachts Ryûtan mit großer Beharrlichkeit um Unterweisung. Schließlich sagte Ryûtan: "Es ist spät in der Nacht. Möchtest du nicht schlafen gehen?" Tokusan dankte dem Meister, verbeugte sich mehrmals, hob den Türvorhang hoch und ging hinaus. Als er sah, wie dunkel es draußen war, kehrte er zurück und sagte: "Draußen ist's pechschwarz." Ryûtan zündete eine Kerze an und reichte sie ihm. Als Tokusan seine Hand danach ausstreckte, blies Ryûtan das Licht aus. In diesem Augenblick wurde Tokusan plötzlich erleuchtet und verneigte sich tief. Ryûtan fragte: "Was hast du als Wahrheit gefunden?" Tokusan antwortete: "Von jetzt an will ich die Worte des alten, weltbekannten Meisters nicht mehr in Zweifel ziehen."
(aus: Die torlose Schranke. Mumonkan, kommentiert von Yamada Koun Roshi,  München 1989; leicht überarbeitet von der Autorin)

Durch das plötzliche im Dunklen Stehen kommt Tokusans Innerstes zum Leuchten. Doch was hat er, zurück in die Düsternis gestellt, gesehen? Ihm ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Licht aufgegangen, das alle Zweifel ausgelöscht hat. Ein Licht über das wahre Verhältnis von Dunkelheit und Erscheinung.

Das ist die Verheißung der dunklen Nacht der Seele. Plötzlich weicht der Schrecken vor der Finsternis. Wir sehen uns augenblicklich ins Licht gestellt, erleuchtet. Die Nacht bleibt zwar nach wie vor Nacht - doch sie strahlt im Jetzt heller als der Tag. Keine Enge, keine Ohnmacht, keine Angst.

Möge die dunkle Nacht in uns allen zur Reife kommen - zu unserem eigenen Wohl und dem aller Lebewesen.

Ein Artikel von Martina Seifert

Yogalehrerin

Achtsames Yoga

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