Forschungsarbeiten, Bücher und Filme zum Thema Mitgefühl

Der Mensch, ein mitfühlendes Wesen

Forschungsarbeiten, Bücher und Filme zum Thema Mitgefühl
© Pixabay

von Martina Seifert, Texterin, Lektorin, Yogalehrerin

Die wenigsten von uns möchten ein einsames Inseldasein führen. Das liegt wohl in der menschlichen Natur. Vielmehr sehnt sich der Mensch danach, intim zu sein, mitfühlend und sozial.

Globales emphatisches Bewusstsein

Wir befinden uns an einem sehr bedeutsamen Punkt der menschlichen Reise: Erst jetzt, in Zeiten des Klimawandels, der fortlaufenden Zerstörung der Biosphäre und der weltweiten Migration, vertieft sich unser Verständnis vom Menschsein. Das globale empathische Bewusstsein dehnt sich aus bis zu den Grenzbereichen unseres Lebensraums und bis zu jedem Lebewesen am noch so entferntesten Ort. Wir empfinden Mitgefühl für Menschen, die auf der Flucht vor Hunger, Krieg und Gewalt sind, leiden unter Berichten, Bildern und Filmen von hungernden Eisbären und Pinguinen.

Heilsame menschliche Qualitäten aktivieren

Überdeutlich wird uns vor Augen geführt, dass es nur wenig Hoffnung für Erde und Lebewesen gibt, wenn der Mensch nicht sozial denkt, handelt und fühlt, sondern nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht, skrupellos und utilitaristisch noch verbleibende Ressourcen des blauen Planeten verschlingt und die Biosphäre sukzessive zerstört. Die düstere Vorahnung, dass sich die Menschheit durch den Klimawandel selbst auslöschen könne, gewinnt mehr und mehr an Realität. Wenn wir allerdings gemäß unserer eigentlichen Natur immer empfänglicher werden für Intimität, Gemeinschaft und Mitgefühl, dann bleibt die Hoffnung, dass wir diesen zerstörerischen Prozess noch aufhalten können. Aber wie können wir heilsame menschliche Qualitäten wie Mitgefühl fördern und entwickeln?

Mitgefühl – das Herz religiöser Traditionen

Mitgefühl bildet seit jeher das Fundament aller religiösen und spirituellen Traditionen. Unabhängig von Form, Sprache oder Jargon – die Essenz, das Herz ist immer das Mitgefühl. Heute verschaffen uns Wissenschaftler*innen einen weiteren Zugang zum Mitgefühl, nicht ohne sich dabei von spirituellen Traditionen wie dem Buddhismus, Sufismus, aber auch dem Christentum leiten zu lassen. Eine dieser Wissenschaftler*innen ist die Neurowissenschaftlerin und Psychologin Prof. Dr. Tania Singer. Meine Kollegin Conny Dollbaum-Paulsen erwähnte die prominente Wissenschaftlerin bereits in ihrem Artikel "Das Amygdala-Projekt". Der Text verweist auf die langjährige Forschung der Direktorin des Max-Planck-Institutes und ihres Teams zum Thema Meditation.

"Mitgefühl. In Alltag und Forschung" – kostenfreies E-Book

Tania Singer hat zudem ein Multimedia-E-Book veröffentlicht, in dem sie Antworten auf die Fragen nach dem Unterschied zwischen Empathie und Mitgefühl gibt und nach den Möglichkeiten der Aktivierung und Entwicklung des Mitgefühls mittels spezieller Trainingsprogramme. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, dem Thema Mitgefühl und Empathie mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen, um die Entwicklung einer solidarischen und nachhaltigeren Gesellschaft zu unterstützen. Das zum kostenfreien Download zur Verfügung stehende E-Book "Mitgefühl. In Alltag und Forschung" beschreibt, wie sich das menschliche Gehirn durch mentales Training verändern und meditative Mitgefühlspraxen Schmerzen lindern können. Die Einblicke in die große Wirkkraft des Mitgefühl-Trainings, die uns dieses Buch schenkt, sind lehrreich und anrührend zugleich.

Mit neurobiologischen Methoden wird untersucht, wie Mitgefühl und Empathie entstehen. Neben spannenden wissenschaftlichen Ergebnissen und einem Überblick zur aktuellen Mitgefühls- und Empathie-Forschung bietet das Buch auch einen für den Alltag relevanten Einstieg in die Thematik. Und nicht zuletzt wird deutlich, dass die Form des Trainings auch im medizinischen Bereich immer mehr an Bedeutung gewinnt - sei es im Umgang des klinischen Personals mit Schwerkranken und Sterbenden oder bei Ärzt*innen und Lehrenden mit Blick auf anwendbare Methoden und Techniken zur Prävention und Behandlung von Burnout.

Dokumentarfilm "Raising Compassion"

Entstanden ist ihr Buch aus dem Workshop How to Train Compassion, den Singer 2011 gemeinsam mit ihrem Team im Studio des dänisch-isländischen Künstlers Olafur Eliasson in Berlin organisiert hatte. Im Nachhinein kam der Wunsch auf, den regen Austausch einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Daraus erwuchs das E-Book mit umfangreichem Video-Material, Sound-Collagen und Bildern von Olafur Eliasson. Gleichzeitig entstand der 35minütige Dokumentarfilm "Raising Compassion" von Tania Singer und Olafur Eliasson, der auf dem Videoportal vimeo.com zur Verfügung steht. Das E-Book "Mitgefühl. In Alltag und Forschung" kann auf der Webseite compassion-training.org kostenfrei heruntergeladen werden.

Dass Tania Singer persönlich am Thema Mitgefühl gescheitert ist und mit ihren Mitarbeiter*innen keinen empathischen Umgang pflegte (die Presse berichtete zum Jahresbeignn 2019 darüber), ändert nichts am enormen Wert ihres Beitrags zum Forschungsthema.

Die Revolution der Selbstlosen

Auch der französische Dokumentarfilm "Die Revolution der Selbstlosen", den der deutsch-französische Fernsehsender arte 2015 ausstrahlte, zeigt, dass Mitgefühl, Altruismus und Hilfsbereitschaft fundamentale, angeborene menschliche Qualitäten sind. Die Regisseur*innen Sylvie Gilman und Thierry de Lestrade haben in ihrem Film Forschungsarbeiten diverser Wissenschaftler*innen begleitet, darunter auch der Molekularbiologe und buddhistische Mönch Matthieu Ricard (siehe dazu einen Auszug aus Ricards Buch: "Allumfassende Nächstenliebe: Altruismus – die Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit", Edition Blumenau, 2016), die einmal mehr beweisen, dass die genannten Wesenszüge des Menschen bereits im Babyalter zu beobachten sind. Der Film "Die Revolution der Selbstlosen" steht auf dem Videoportal vimeo.com zur Ansicht bereit.

Die inzwischen zahlreichen veröffentlichten Forschungsarbeiten, Bücher und Filme zum Thema Mitgefühl machen Mut, schenken uns Vertrauen in die menschliche Natur und zeigen, dass eine individuelle Wandlung möglich ist - auch über den Bildungs- oder Gesundheitssektor hinaus. Sich für Mitgefühl zu öffnen, ist letztlich für alle Lebewesen ein großer Gewinn.

Ein Artikel von Martina Seifert

Yogalehrerin

Achtsames Yoga

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