War das Essen früher wirklich besser?
Bewusst auswählen, selbst kochen und zubereiten
Heute gibt es viele Bedenken hinsichtlich Zusatzstoffen und Rückständen in unserer Nahrung. Dies oft zu recht. Aber war das Essen früher wirklich besser?
Eher nicht, nur waren die Bedrohungen anderer Natur als heute. Während heute künstliche Aromen, Konservierungsstoffe und sonstige Hilfsmittel – die es früher gar nicht gab – ungünstig für unsere Gesundheit sind, waren es anno dazumal Bakterien und Giftstoffe, die das Leben bedrohten. Von einseitiger Ernährung mal ganz abgesehen. Wir neigen dazu, das Vergangene zu romantisieren und zu glorifizieren. Die einen träumen von der „heilen Welt“ der Naturvölker, andere sehen sich als „tapfere Ritter“ und wieder andere glauben, das Leben auf einem Bauernhof im Mittelalter wäre „ganzheitlich“ gewesen. Das alles sind aber mehr „Hollywood-Träume“ als historisch belegte Tatsachen. Und so ist das auch mit dem „früher viel gesünderen“ Essen…
Machen wir uns kurz klar, was es früher nicht gab: Kühlschränke und Tiefkühltruhen kannte man nicht – also auch keine Kühlung; Fleischbeschau (also amtliche Kontrolle des Fleischs nach dem Schlachten) war nicht vorhanden, ausreichend frische Nahrung im Winter fehlte, abwechslungsreiche Ernährung unbekannt (70% der Nahrung der normalen Bevölkerung bei uns beruhte auf Getreide = Brot). Skorbut – ausgelöst durch Vitamin-C-Mangel – war nicht nur in der Seefahrt ein häufiger Gast.
Im Getreide befand sich oft ein Pilz – das Mutterkorn – dessen Giftstoff üble Symptome wie das Antoniusfeuer (Darmkrämpfe, Halluzinationen, Absterben von Fingern und Zehen aufgrund Durchblutungsmangel) hervorrief. Damals war man kaum in der Lage, Getreide vollständig von Mutterkornrückständen zu befreien.
Neben den alltäglichen Gefahren gab es regelmäßig Hungersnöte, wie beispielsweise 1848, als in Irland die gesamte Kartoffelernte – dort Hauptnahrungsmittel zu dieser Zeit – durch einen Pilz vernichtet wurde. Mehr als eine Million Menschen starben an Nahrungsmangel. Die Not löste eine Auswanderungswelle in die Neue Welt (Amerika) aus. Selbst im Staat Preußen wütete 1847 der Hunger und führte zur „Kartoffelrevolution“.
Heute schadet uns eher der Überfluss, als der Mangel…
Bei aller Kritik an den Auswüchsen der modernen Nahrungsmittelproduktion sollte man sich klar machen, dass die Vergangenheit auch essenstechnisch keine heile Welt war – und vielerorts auch heute keine ist. Tatsächlich leben wir – was das Angebot an Nahrungsmitteln angeht – heute im Paradies. Und es liegt an uns, die Fallen, die es heute gibt zu umgehen. Man muss ja keine Fertigpizza oder Dosensuppen & Co. und andere hochverarbeitete Nahrungsmittel essen. Wer bewusst auswählt, selbst kocht und zubereitet, vermeidet die meisten Probleme in Zusammenhang mit dem Nahrungsmittelangebot – und kann die Vorteile der angebotenen Vielfalt intelligent nutzen.
Ein Artikel von
Rudolf Hege
76534 Baden-Baden
Im Grün 28
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