Über Übergänge, die nicht laut sind
Du lieber Mensch da draußen,
es gibt Zeiten im Leben, die sind nicht dafür da, ständig im Tun zu sein.
Diese Zeiten – oft nur leise wahrnehmbar – laden uns ein, wahrzunehmen, wo Übergänge stattfinden.
Was sich nicht ändern lässt, will nicht bekämpft werden, sondern gesehen werden.
Und was gesehen wird, verliert oft an Schwere.
Im wirklichen Leben zeigen sich diese Übergänge selten spektakulär.
Sie kommen nicht mit klaren Ansagen, sondern schleichen sich ein.
Häufig erkennen wir sie erst im Rückblick – dann oft erschüttert in ungeahnten Tiefen.
Ein Job, der innerlich längst zu Ende ist, aber äußerlich noch weiterläuft.
Beziehungen, die sich verändern, ohne dass jemand Schuld trägt.
Ein Körper, der Signale sendet, weil alte Überlebens - und Funktionsmuster ihn nicht mehr tragen.
Oder ein inneres Nein zu Rollen, Systemen und Erwartungen, die einst Sicherheit gaben und heute nur noch Enge erzeugen.
Ich kenne diesen Zustand sehr gut.
Die Phase des immerwährenden Funktionierens.
Rollen erfüllen, Verantwortung übernehmen – immer wieder, immer weiter.
Nicht aus Freiheit, sondern aus Gewohnheit.
Nicht aus Lebendigkeit, sondern aus einem tief verankerten Pflichtgefühl.
Nach außen wirkte vieles stabil.
Innerlich jedoch war die Energie längst nicht mehr verfügbar.
Der Körper begann, in eine Ausnahmesituation zu rutschen: Erschöpfung, massive Schwäche, hormonelle Entgleisungen.
Schließlich zeigte er unmissverständlich, dass etwas nicht mehr tragfähig war – unter anderem in Form einer schweren Autoimmunerkrankung und später auch mit dem Thema Krebs.
Es fiel mir schwer, diesen körperlichen Zustand des Nicht-Funktionierens anzuerkennen.
Ich suchte nach Lösungen, nach Erklärungen, nach Wegen, meinen Körper zu reparieren.
Doch genau darin lag der Irrtum.
Einen Körper kann man nicht reparieren wie eine Maschine.
Man muss sehen und erkennen, was ihn in diese Lage gebracht hat.
Je mehr ich versuchte, diesen Zustand zu überwinden, desto deutlicher wurde:
Ich konnte ihn nicht überwinden.
Ich musste ihn sehen.
Denn der Körper kann erst dann in Heilung gehen, wenn das dahinterliegende Thema sichtbar wird.
Als ich aufhörte, mich innerlich dagegen zu stemmen – aufzuhören, meinen Körper zum Funktionieren zu zwingen –, begann sich etwas zu verändern.
Nicht sofort.
Und nicht spektakulär.
Aber es entstand wieder Raum.
Ein Raum, in dem ich mich wieder hören konnte.
Ein Raum, in dem ich nicht sofort handeln musste.
Ein Raum, in dem ich Gefühle zulassen durfte, die jahrelang keinen Platz hatten und die ich auch nicht mehr einordnen konnte.
Mir wurde bewusst, dass diese Übergänge – weg vom ständigen Tun – nicht unserem eigentlichen Menschsein entsprechen.
Sie widersprechen nicht dem Leben, sondern dem, was wir gelernt haben, um zu funktionieren.
Indem wir dieses Funktionieren aufrechterhalten wollen, halten wir Stillstände aufrecht.
Der Körper verliert Energie.
Gefühle werden nicht mehr wahrgenommen oder können sich nicht bewegen.
Handlungsfähigkeit geht verloren.
Irgendwann gibt der Körper auf.
Für mich war das bewusste Ablegen der Rollenverteilungen, die wir oft schon als Kinder lernen, ein entscheidender Schritt.
Ebenso das Erkennen und Loslassen äußerer Kontrollmechanismen, die uns beigebracht haben, über unsere Grenzen hinwegzugehen.
Innere Bewegung, die lange unterdrückt war, durfte wieder wahrgenommen werden.
Ich durfte lernen, dass Leben und Vergänglichkeit gemeinsam wirken.
Nicht als Gegensätze, sondern als ein gleichmäßiger Puls, als ein Rhythmus, der allem zugrunde liegt.
Um im Fluss des eigenen Lebens zu bleiben, müssen wir diesen Rhythmus sehen.
Aber mehr noch: Wir müssen beidem Raum geben.
Dem Leben – und ebenso der Vergänglichkeit.
Erst wenn beides angenommen wird, entsteht der Zwischenraum, in dem etwas wirklich sichtbar werden kann.
Nicht aus Druck heraus.
Nicht aus dem Müssen.
Sondern aus Wahrnehmung.
In diesem Raum darf sich zeigen, was gesehen werden will.
Und erst dann wird auch eine Entscheidung möglich –
nicht erzwungen, sondern getragen.
Ein Artikel von
Sabrina Haffert