Gedanken zu einem neuen Jahr – ohne Vorsätze
Ein leiser Text über Stimmigkeit und Verbundenheit
Ich gehöre nicht zu den Besserwerdenden – und ich möchte es auch gar nicht.
Ich bin das ständige Besserwerden leid.
Ich bin schon fertig. So wie ich bin.
Da gibt es nichts mehr zu klopfen und zu hämmern.
Müdigkeit als Aufatmen
„Ich kann einfach nicht mehr an mir arbeiten.“ In letzter Zeit höre ich immer öfter diesen Satz – und in ihm liegt für mich eine große Erleichterung. Als würde sich jemand endlich erlauben, auszuatmen.
Ich glaube, viele Menschen sind nicht müde vom Leben.
Sie sind müde davon, sich ständig verbessern zu müssen.
Müde, Symptome zu optimieren, Gefühle zu regulieren, Prozesse zu beschleunigen.
Müde vom Funktionieren, vom Durchhalten, vom Sich-Zusammenreißen.
Und oft geschieht etwas Heilsames genau dann, wenn wir uns einfach lassen – und nichts mehr „erreichen“ müssen.
Wenn Heilung zur Leistung wird
Das „Besserwerden“ scheint zu einer stillen Pflicht geworden zu sein, als sei Heilung ein Leistungsprojekt.
Verwechseln wir Heilung vielleicht mit Fortschritt?
Mit Kurven, Zielen, Programmen?
Ist Selbstfürsorge zur Aufgabe geworden,
Achtsamkeit zur Technik,
Therapie zur nächsten To-do-Liste?
Wer nicht ordentlich an sich arbeitet und vorankommt, glaubt schnell, etwas falsch zu machen.
Dabei folgt seelische Entwicklung keinem linearen Plan.
Zu viel des Guten
Erschöpfung entsteht oft dort, wo wir uns selbst nicht mehr zuhören.
Wo wir nicht still werden, nicht nach innen lauschen.
Wenn wir dem Körper ständig sagen, er müsse noch durchhalten.
Der Seele, sie solle endlich loslassen.
Auch Heilung kann gewaltsam werden,
wenn sie gegen unseren inneren Rhythmus geschieht.
Dann wird selbst das Gute zu viel.
Die Intelligenz der Müdigkeit
Diese Form von Müdigkeit und Erschöpfung ist nichts Krankhaftes.
Im Gegenteil.
Sie ist ein Zeichen innerer Intelligenz.
Eine gesunde Gegenbewegung.
Vielleicht sagt sie:
So nicht mehr.
Nicht noch ein Konzept.
Nicht noch eine Methode.
Sondern: Raum.
Zeit.
Erlaubnis, einfach zu sein.
Die Müdigkeit schützt etwas Zartes in uns.
Die Sehnsucht bleibt
Aber was machen wir mit unserer Sehnsucht nach Heilung?
Sie ist ja trotzdem da.
Sie bleibt –
verändert jedoch ihre Gestalt.
Sie will nicht mehr repariert werden, sondern gesehen.
Nicht optimiert, sondern gehalten.
Viele sehnen sich nicht nach „Besser“,
sondern nach Stimmigkeit und Verbundenheit.
Nach einem Leben,
in dem wir nicht mehr Zuschauer:innen sind,
sondern Hauptdarsteller:innen.
Weniger tun, mehr sein
Doch was bedeutet das konkret – im Alltag?
Vielleicht weniger die Frage:
„Was muss ich noch tun?“
Und öfter die Frage:
„Was darf ich lassen?“
Vielleicht weniger Programme –
und mehr Pausen.
Weniger Deutung –
mehr Spüren.
Heilung beginnt manchmal genau dort,
wo wir aufhören, sie zu erzwingen.
Heilung kreist
Heilung setzt leise ein.
In Kreisen statt Stufen.
Sie achtet den Winter.
Die Stille und die Ruhe hinter allem Getöse.
Und sie weiß:
Manche Wunden heilen nicht, indem sie verschwinden –
sondern indem sie in das Leben hineingenommen werden.
Wir müssen nicht besser werden, um ganz zu sein.
Wir sind es schon.
Dies anzunehmen,
ist vielleicht der erste wirkliche Schritt,
es auch zu spüren.
Tipp: "So wie du bist" von Corinne Frottier ist ein inspirierendes Buch zu diesem Thema.
Ein Artikel von
Freie Autorin, Text, Lektorat
Hegede 6
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