Der neue Gott von Claudia Paganini
Künstliche Intelligenz als Herausforderung für Spiritualität und Sinnsuche
Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz (KI) für unsere Sinnsuche, unsere Spiritualität und unser Menschenbild? Diese Frage beschäftigt mich schon seit einiger Zeit – nicht nur theoretisch, sondern ganz konkret, wenn ich selbst Chatbots teste. Umso neugieriger war ich auf das Buch der Philosophin Claudia Paganini „Der neue Gott. Künstliche Intelligenz und die menschliche Sinnsuche“. Darin lotet sie die Chancen und Gefahren aus, die entstehen können, wenn wir Erwartungen an KI haben, die weit über ihren ursprünglichen Zweck hinausgehen.
Der neue Gott?
Laut Paganini ist KI längst kein Spezialthema mehr für Informatiker:innen. Sie ist mitten in unserem Alltag angekommen – ob durch Chatbots, Empfehlungssysteme oder digitale Begleiter. Ich erlebe es selbst, wie viele inzwischen von Apps berichten, die ihre Fragen beantworten. Dabei dringt die Technik inzwischen in Bereiche vor, die traditionell von Psychotherapie, Religion, Philosophie und Spiritualität geprägt sind.
Meine Erfahrungen mit KI
Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich mich von Chatbot-Apps verstanden fühle – und zugleich irritiert bin, wie glatt und scheinbar weise diese Antworten klingen. Paganini nimmt diesen Trend ernst, ohne in Panik zu geraten. Sie zeigt, wie groß unsere Sehnsucht nach Orientierung ist, gerade in einer Zeit von Krisen, Unsicherheiten und Sinnentleerung. KI wird zum Projektionsfeld für Sehnsüchte, Hoffnungen – und Illusionen.
Eine ihrer stärksten Thesen lautet: KI erfüllt in unserer Kultur ähnliche Funktionen wie früher Götter. Sie wird als allwissend, unfehlbar und gerecht inszeniert. Doch Algorithmen sind weder neutral noch unabhängig vom Menschen. Sie spiegeln Daten, Vorurteile und Machtstrukturen wider – das erlebe ich besonders deutlich, wenn ich Antworten vergleiche, die auf dieselbe Frage ganz unterschiedlich ausfallen.
Zwischen Täuschung und Werkzeug
Ich habe Chatbots genutzt, die auf spirituelle Fragen erstaunlich überzeugend reagieren. Doch diese Antworten basieren nicht auf gelebter Erfahrung oder Mitgefühl, sondern auf der Auswertung riesiger Textmengen. KI kann zwar spirituelle Sprache imitieren. Sie kann Spiritualität aber nicht verkörpern. Mir dessen bewusst zu sein, schützt mich davor, in Täuschung und Projektion zu verfallen.
Paganini fragt, ob KI die Selbsttäuschung fördert oder ein Werkzeug sein kann, das unsere Suche unterstützt. Diese Frage treibt auch mich um. Spirituelle Entwicklung lebt von Offenheit, Unsicherheit und Verletzlichkeit. Eine Maschine, die jederzeit Antworten liefert, verführt zum schnellen Konsum statt zur Vertiefung. Zugleich bemerke ich, wie bequem es ist, sich an eine scheinbar allwissende Instanz zu wenden – die KI hat sofort eine Antwort parat, ohne dass ich mich tiefer mit meinen Fragen beschäftigen muss.
Gerade bei Fragen wie „Was ist der Sinn des Lebens?“, „Warum bin ich hier?“, oder „Was hat es mit Leben und Tod auf sich?“ sind algorithmische Systeme eine Beschränkung. Existenzielle Fragen lassen sich nicht delegieren, sondern wollen gelebt und gefühlt werden – nicht als etwas Fremdes außerhalb von mir, sondern als etwas, das in jeder meiner Zellen schwingt. Diese innere Bewegung kann keine KI ersetzen.
Rainer Maria Rilke hat es in einem Brief an den Dichter Franz Xaver Kappus wunderbar in Worte gefasst:
„Man muss den Dingen die eigene, stille, ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden kann …
Man muss Geduld haben mit dem Ungelösten im Herzen …
Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages in die Antworten hinein.“ (aus: Rainer Maria Rilke, Briefe an einen jungen Dichter, 1929, Insel Verlag)
Spirituelle Tiefe braucht mehr als Algorithmen
Die Autorin plädiert jedoch nicht für technikfeindliche Abwehr, sondern für eine bewusste Haltung. KI kann nützlich sein, wenn wir sie als Werkzeug betrachten – als Spiegel oder Impuls, nicht als letzte Wahrheit.
Hilfreich erscheint mir Paganinis Hinweis, KI-Impulse nicht im Alleingang zu konsumieren. In einem Kreis von Menschen können sie zum Anlass für echten Dialog werden. In Gesprächen habe ich selbst erlebt, wie viel lebendiger und tiefer der Austausch ist, wenn Technik nur Ausgangspunkt bleibt, nicht Ersatz.
Spirituelle Tiefe erfahre ich, wenn ich mich von meinen Fragen leiten lasse. Die Frage trägt die Antwort bereits in sich. Also folge ich ihr, bis sie die Antwort freigibt. Natur, Atem oder Begegnungen mit Menschen können uns dabei unterstütze. Die Quelle menschlicher Spiritualität liegt jenseits des Digitalen.
Fazit
„Der neue Gott“ ist ein kluges, gut verständliches Buch, das weit über Fachkreise hinaus gelesen werden kann. Es richtet sich an alle, die neugierig auf die Schnittstellen von Technologie, Philosophie und Spiritualität sind. Paganinis Buch ist weder technikfeindlich noch unkritisch. Sie nimmt die Faszination für die neue Technologie ernst und zeigt zugleich, wie wichtig Wachsamkeit bei der Nutzung von KI ist.
Die Frage, ob KI unser „neuer Gott“ wird, beantwortet sich damit fast von selbst: Wir Menschen entscheiden, welche Rolle wir ihr geben - ob wir die Verantwortung für unsere Sehnsucht und Sinnsuche aus der Hand geben oder uns inmitten der digitalen Transformation auf das Wesen unseres Menschseins besinnen.
In „Das philosophische Radio“ (WDR 5) spricht Claudia Paganini über ihr Buch „Der neue Gott“ und die Parallelen zwischen Künstlicher Intelligenz und Gott. Claudia Paganini: Parallelen zwischen KI und Gott
"Der neue Gott. Künstliche Intelligenz und die menschliche Sinnsuche" von Claudia Paganini erhältst du im Buchhandel vor Ort oder auch online bei buch7.de, der Online-Buchhandel mit sozialer Seite.
Claudia Paganini
Verlag Herder
1. Auflage 2025
Gebunden
192 Seiten
ISBN: 978-3-451-60146-0

Ein Artikel von
Freie Autorin, Text, Lektorat
Hegede 6
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