Die Biografie

Wilhelm Heinrich Schüssler

Die Biografie

von Conny Dollbaum-Paulsen

Es ist erstaunlich zu lesen, wie sich manche Streitfragen durch die Medizingeschichte ziehen, wie leidenschaftlich im 19. Jahrhundert ebenso wie heute darüber diskutiert wird, welche Ursachen Erkrankungen zugrunde liegen und wie diese, den Ursachen entsprechend, zu behandeln sind. Damals wie heute stoßen dort Weltbilder aufeinander, die im vorliegenden Buch spannend dokumentiert werden.

Medizingeschichte: Die Suche nach Antworten

Dr. med. Wilhelm Heinrich Schüssler und Samuel Hahnemann, Begründer der Homöopathie, waren beide Ärzte und sehr unzufrieden mit dem, was ein Medizinstudium der damaligen Zeit an Wissen über Krankheit und Gesundung vermittelte. Es war wohl ein großes Stochern im Nebel, weit von einer nachvollziehbaren Systematik entfernt, das damals von Ärzten angewandt wurde und das u. a. Männer wie Virchow und Liebig auf der naturwissenschaftlichen Seite sowie Grauvogel, Hahnemann und Schüssler auf der homöopathischen Seite mit an Besessenheit grenzendem Eifer forschen ließ.

Ob physiologische Regeln, Krankheitsauslöser oder therapeutische Interventionen: Um die Mitte des 19. Jahrhunderts rang die medizinische Welt um reproduzierbare und einleuchtende Erklärungen. Das hier vorgestellte Buch, Schüssler, Arzt aus Leidenschaft, ist deshalb zumindest im ersten Teil auch weniger eine Biografie als ein hervorragendes Medizingeschichtsbuch. Die Leser*in erfährt Interessantes über den damaligen Forschungsstand, vor allem in Physiologie und Pathophysiologie: die Forschungen des Chemikers Justus von Liebig und des Pathologen Rudolf Virchow bilden nach wie vor die Basis heutigen schulmedizinischen Denkens, das Ringen Heinrich Schüsslers, die Grundsätze der Homöopathie mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen seiner Zeit zu verbinden, sind immer noch relevant. Auch der Medizin-Markt, auf dem sich auch damals schon Ärzte (ja, Ärztinnen gab es da noch nicht...) und Homöopathen munter versuchten das Wasser abzugraben, hat sich weniger verändert als mensch annehmen könnte.

Von der Lebenskraft zur Zellernährung

Obwohl Schüssler leidenschaftlicher Homöopath war, stellten ihn die Ergebnisse und die nicht überzeugend stringente Systematik der Homöopathie nicht zufrieden – er suchte nach klareren Regeln, zweifelte zunehmend am Prinzip der Lebenskraft, deren Existenz damals wie heute nicht im Mikroskop nachzuweisen war. Seine Suche nach einer übersichtlichen Zahl von nach klaren Regeln einsetzbaren Medikamenten in Verbindung mit neuen Erkenntnissen zur Funktionsweise der Körperzellen, führte ihn zu 12 mineralischen Grundstoffen. Diese Ur-Schüssler-Salze waren geeignet, den Mangel innerhalb der Zellen und damit alle Erkrankungen von Körper, Seele und Geist ausgleichen. Obwohl die Mineralstoffe nach homöopathischen Prinzipien potenziert waren, stellte Schüssler die Homöopathie damit auf den Kopf: Er blieb Homöopath, verließ aber die Grundlage des Ähnlichkeitsgrundsatzes, indem er nach pathophysiologischen Ursachen suchte, statt nach mittelanzeigenden ähnlichen Symptomen. Wie sehr er mit diesem Prinzipienwechsel gerungen hat, wird im Buch deutlich.

Die Biografie dokumentiert den gesamten Weg eindrucksvoll, die zusammengetragenen Quellen, die fast die Hälfte des Buches füllen, illustrieren die Zeit der Wahrheitssuche in der Medizin ganz wunderbar. Die Autoren haben sich mit ähnlicher Leidenschaft und großer Expertise auf Zeitreise begeben und ganze Arbeit geleistet.

Verlässlich dokumentiert, spannend aufbereitet

Die Quellenangabe sind zahlreich, was zu Beginn etwas den Lesefluss etwas stören kann - dennoch sind sie der wahre Schatz des Buches; entsprechend kommentiert, ermöglichen sie eine bessere Einordnung in den historischen und medizingeschichtlichen Gesamtzusammenhang. Der Titel ist ein Fachbuch und keine Biografie für Laien – dazu sind die medizinischen Zeugnisse und Inhalte insgesamt zu detailliert, für Homöopath*innen ist gerade der Detailreichtum ein Gewinn.

Liebe Homöopath*innen aller Richtungen

Dieser Titel zeigt, wie sich grundsätzliche Missverständnisse hartnäckig durch die Jahrhunderte ziehen. Darüber hinaus zeigen die Autoren aber auch, dass wir den Spuren leidenschaftlicher Ärzte und Ärztinnen folgen und damit eine Tradition fortführen, die die Medizin insgesamt mehr beeinflusst hat, als dass so manche schulmedizinische Meinung heute wahrhaben will. Dieses Buch ist mehr als eine Ermutigung, sich im Bereich der Heilkunst suchend, irrend, weitersuchend und findend zu bewegen. Ganz schön wäre, wenn wir mehr denn je üben würden, respektvoller und wertschätzender miteinander zu kommunizieren, als dies im 19. Jahrhundert der Fall war – dieses Buch kann dabei helfen.

Peter Emmrich, Prof. Dr. Gert Oomen
Schüssler
Arzt aus Leidenschaft
fischer & gann
978-3-95883-552-8
Gebundene Ausgabe 28,-
E-Book 21,99

Die Autoren

Peter Emmrich ist Diplom-Biologe, Chemiker und Facharzt für Allgemeinmedizin mit den Zusatzbezeichnungen Homöopathie, Naturheilverfahren, Akupunktur, Sportmedizin, Manuelle Medizin und Palliativmedizin. Er führt in Pforzheim eine Hausarztpraxis und hat einen Lehrauftrag für Allgemeinmedizin an der Universität Tübingen. Als Präsident des Europäischen Naturheilbundes e.V., Vizepräsident des Zentralverbandes der Ärzte für Naturheilverfahren und Regulationsmedizin e. V. (ZAEN) und Vorstandsmitglied der Hufelandgesellschaft e. V. befasst er sich seit Jahren intensiv mit natürlichen Heilverfahren und biologischer Medizin.

Prof. Dr. Gert Oomen ist Historiker und außerordentliches Mitglied bei der „Göttinger Gesellschaft homöopathischer Ärzte“ und der „Freunde der Göttinger Homöopathie e.V.“ Zusammen mit Peter Emmrich leitet er die Veranstaltungen „Klinische Homöopathie“ in Tübingen. Verschiedene Publikationen zu Hahnemann und seinen Nachfolgern in der „Zeitschrift für Klassische Homöopathie“.

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