Thema: Krankheit und Gesundheit

Definitionen: Was ist Gesundheit?

von Conny Dollbaum-Paulsen

In diesem Beitrag soll eine Annäherung an den von uns so selbstverständlich benutzen Begriff der Gesundheit versucht werden. Alle Artikel, die in diesem Zusammenhang bei Heilnetz erscheinen, haben eine einzige Absicht: Die individuelle wie gesellschaftliche Auseinandersetzung mit einem scheinbar selbstverständlichen Inhalt zu fördern. Dazu werden verschiedene AutorInnen über immer wieder neue Aspekte, die ihnen jeweils wichtig erscheinen, schreiben.

Meine Mutter ist 90 Jahre alt, sitzt im Rollstuhl und kann bis auf das Führen von Löffel und Tasse zum Mund eigentlich nichts mehr ohne die Hilfe anderer. Sie ist altersdement ziemlich vergesslich für alles, was länger her ist als 15 Minuten.

Einer ihrer immer mal wieder gesagten Sätze heißt: "Ich kann wirklich zufrieden sein mit meinem Leben, weil ich ja noch so gesund bin…!“ Sie scheint einen sehr eigenen Begriff von Krankheit und Gesundheit zu haben – und ich lerne gern von ihr (je älter wir werden, umso leichter).

 

Gesundheit als Wohlbefinden

Meine Mutter fühlt sich wohl. Jedenfalls meistens. Die vielen Einschränkungen, die ihr Leben auf einen winzigen Radius eingrenzen, stören sie nicht. Sie ist von freundlichen Menschen umgeben, das Essen ist lecker, ihr Schlaf gut, sie hat keine Schmerzen und regelmäßig taucht plötzlich und unerwartet eines ihrer Kinder, Enkel- oder Schwiegerkinder auf. Da sie keine Schmerzen hat, gut essen, trinken und gut schlafen kann, fühlt sie sich gesund…für sie ist Gesundheit das höchste Gut und sie verfügt darüber.

Nun ist Wohlbefinden für naturwissenschaftlich denkende Menschen ein schwer zu fassendes Tierchen, weil die Definition so subjektiv ist wie der Geschmack eines jeden Menschen – Wohlbefinden entzieht sich statistischen Berechnungen, international gesehen sowieso, denn Wohlbefinden ist, obwohl subjektiv, immer auch im gesellschaftlichen Kontext zu sehen. Wer sich heute als Angehöriger einer Industrienation beim Rauchen einer Zigarette wohl befindet, erntet mitleidiges Kopfschütteln – das ist aber natürlich längst nicht überall auf der Welt so.

Wohlbefinden in der Medizin???

Wohlbefinden öffnet einem sehr weiten, demokratischen Gesundheitsbegriff Tür und Tor – jeder Mensch entscheidet selbst, was ihm wohltut. Dann dürfen Menschen mit Handicaps gesund sein und auch diejenigen mit schweren Erkrankungen, so sie denn eine Form gefunden haben, sich neben dem Erleiden einer Erkrankung dennoch immer mal wieder und in erster Linie wohl zu befinden. Und dann werden auf der anderen Seite auch diejenigen ernst genommen, die unter allerlei Beschwerden leiden, also sich ganz und gar nicht wohl befinden, ohne dass eine klinisch erkennbare Ursache oder Abweichung gefunden werden könnte.

Zusammenfassend ließe sich sagen:

  • Wohlbefinden ist ein komplett subjektives Kriterium
  • Wohl befinden können sich auch die, die krank sind
  • Unwohl befinden können sich auch die, bei denen keine Krankheit zu finden ist

 

Gesundheit als Leistungsfähigkeit und Rollenerfüllung

Zurück zu meiner Mutter, die einen weiteren bemerkenswerten Satz zum Thema beizusteuern hat, der da lautet: „Ich habe fünf wunderbare Kinder – es kann ja nicht alles so falsch gewesen sein in meiner Erziehung“

Auch wenn sie sich jetzt an schlechten Tagen, die es natürlich auch gibt, überflüssig fühlt und obwohl sie wirklich alles vergisst, was so passiert im Laufe des Tages, bleibt die gemeisterte Rollenerfüllung als Mutter erhalten und tröstet über den aktuellen Unbill zuverlässig hinweg.

Sigmund Freud soll in einem Brief an einen Freund die These formuliert haben, Gesundheit sei die Fähigkeit, lieben und arbeiten zu können. Bezogen auf die Aussage meiner Mutter, hätte er recht gehabt.

Aber trägt die Definition wirklich gut?

In jedem Fall spielt diese Definition bezogen auf die Aussage zur Arbeit in den Industrienationen eine große Rolle. Manchmal scheint es so zu sein, als würden Kinder vornehmlich geboren, um beruflich erfolgreich und  leistungsfähig zu werden – fast so, als läge die wichtigste Bestimmung des Menschen darin, einen Beruf auszuüben.

Tatsächlich wohnt den Menschen ein Bedürfnis nach Zugehörigkeit ebenso inne wie eines nach Selbstausdruck – und zugehörig kann ich mich fühlen, wenn ich etwas zum großen Ganzen beitrage. In unserem Fall also, indem ich Steuern zahle? Kinder gebäre? Erfolgreich bin? In einer Gesellschaft, die ihren Wert über das Bruttosozialprodukt definiert, mag es so sein, dass Leistungsfähigkeit DER Gradmesser für Zugehörigkeit sein kann. Fällt dieser Rahmen weg, weil ich zu alt, zu jung, zu wild, zu schwach, zu klug, zu dumm, zu verrückt, zu verträumt, zu ungeduldig, zu erschöpft oder was auch immer bin, ist die Not umso größer, je mehr mich diese Definition bestimmt. Dann bin ich krank, obwohl ich gar nicht krank bin…

Macht Leistung gesund?

Wer die eigene (Berufs-)Rolle klaglos oder-besser noch-begeistert, erfüllt als Mutter, Ärztin, Bauarbeiter oder was auch immer, wer etwas zum wichtigen Bruttosozialprodukt beiträgt, wer aktiver Teil in einer gesellschaftlich akzeptierten Rolle ist, darf sich als gesund bezeichnen. Und tatsächlich gibt es Untersuchungen darüber, wie krank es macht, langzeitarbeitslos zu sein: https://www.aerzteblatt.de/archiv/140497/Gesundheitliche-Situation-von-langzeitarbeitslosen-Menschen

Wenn eine Gesellschaft Funktionstüchtigkeit als gesund betrachtet, sind zwangsläufig alle krank, die ihren Job nicht so machen können, wie es die Norm vorschreibt.

Frage nach existentiellem Sinn? Fehlanzeige…

Wenn wir als Menschen unseren einzigen Sinn darin sehen, so erfolgreich, wohlhabend und weitgereist wie möglich zu sein, und, damit verbunden, dem Leistungsgedanken zu folgen und unsere Rolle gut auszufüllen - wenn das der Sinn eines Menschenlebens sein soll, dann trifft die Definition von gesund wohl zu.

Wo bleiben aber die wirklich wichtigen, den Menschen in der Tiefe berührenden Aspekte des Wahren, Schönen, Guten? Wo bleibt die Liebe, dem zweiten Aspekt im Zitat von Sigmund Freud? Wo die Verbundenheit, die wertschätzende Begegnung mit allem, was lebt – sei es krank oder gesund, arm oder reich, normal oder exotisch, schnell oder langsam, gesund oder krank? Wo bleibt die tiefe Akzeptanz dessen, was ist? Die zutiefst menschliche Auseinandersetzung mit Leid, Hindernis und Verlust? Das Wissen um Schicksalhaftes, das sich jedem linearen Reparaturdenken konsequent entzieht?

Wo bleibt das Mensch-Sein in Liebe und Verbundenheit?

Wie würde es sich anfühlen, nicht erfolgreich sein zu müssen, weil Erfolg nicht als Wert an sich stünde? Dürfte ich gehandicapt sein, weil ich Mensch bin und deshalb zwangsläufig mit Einschränkungen aller Art zu tun habe und diesen Zustand als eben diese Art des Seins akzeptieren? Ihn nicht sofort und unter allen Umständen wegmachen wollen, sondern darin sein dürfen und im Darin-Sein fragen dürfen, was jetzt hilfreich zu tun sei…?

Zusammenfassend ließe sich sagen:

  • Leistungsfähigkeit und Gesundheit werden in einer Leistungsgesellschaft häufig synonym benutzt
  • Gesundheit über die Leistungsfähigkeit und Rollenerfüllung zu definieren, überfordert Menschen
  • Diese Definition ist ganz und gar nicht geeignet, Gesundheit zu fördern und verdient, kritisch betrachtet zu werden

Vielen Dank an meine Mutter, Anne Dollbaum, die maßgeblich zu der Entstehung des Artikels beigetragen hat.

Den ersten Artikel zum Thema von Alexa Förster finden Sie unter:
https://www.heilnetz-owl.de/news/krank-oder-gesund-das-ist-hier-die-frage.html

In Planung: Gesundheit als das höchste Gut? Stimmt das...?

 

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