Urban Wiesing - Heilswissenschaft

Über Verheißungen der modernen Medizin

© S. Fischer Verlag
5. August 2020 von Martina Seifert

R-Wert, Aerosole oder PCR-Test - Begriffe, die uns vor wenigen Monaten noch kryptisch erschienen, sind fast unbemerkt in unsere Alltagssprache eingegangen. Aufmerksam verfolgen wir die Informationen der Virolog*innen, Epidemiolog*innen und Mediziner*innen, um die neusten Erkenntnisse zum Corona-Virus nicht zu verpassen. Verunsichert, geradezu verängstigt hängen viele an den Lippen der Wissenschaftler*innen in der Hoffnung auf ein baldiges Allheilmittel.

Fragwürdiges Vertrauen in die moderne Medizin

Das Corona-Virus scheint unser Verhältnis zur Medizin grundlegend zu verändern. Der Arzt, Professor und Philosoph Urban Wiesing schreibt in seinem neuen Buch "Heilswissenschaft. Über Verheißungen der Medizin" über das übermäßige Vertrauen in die moderne Medizin und ihre Zukunft. Wiesings Worte rütteln auf, denn selbst wenn es in absehbarer Zeit ein Mittel gegen Covid-19 geben sollte, so der Autor, sei die Menschheit nicht davor gefeit, in Zukunft mit ähnlichen Pandemien und Problematiken konfrontiert zu werden.

Blinde Fortschrittsgläubigkeit

Medizin als Heilswissenschaft, die uns vor dem Bösen bewahren soll?! Urban warnt vor einem blinden Fortschrittsglauben in die Wissenschaft, insbesondere in die Medizin, die sich in den aktuell kursierenden Geschichten über die Weiterentwicklungen in der Medizin widerspiegele. Der Medizinethiker geht der Frage nach, warum solch hohe Erwartungen in die Medizin gesetzt werden, auch wenn in den vergangenen Jahrzehnten etliche Heilsversprechen nicht eingehalten wurden. Beispiel Krebs: Bereits seit den 1970er Jahren werde prognostiziert, dass der Krebs bald besiegt sei.

Sehnsucht nach Heilung

Warum genießen die Verheißungen der Medizin dennoch so hohe Akzeptanz und was sagt das über uns und die heutige Zeit aus? Welche Erwartungen an die Medizin sind realistisch? Wer profitiert von solchen Heilsversprechungen? Gewissenhaft geht der Mediziner diesen und weiteren Fragen nach, spürt interessante Parallelen zu religiösen Elementen auf, die dem Anspruch und den Prinzipien der Medizin als praktische Wissenschaft grundlegend widersprechen, aber die Heilsehnsucht des Menschen zu stillen scheinen.

Fazit

Wiesings neues Buch „Heilswissenschaft. Über Verheißungen der Medizin“ regt zum Nachdenken über die Bedeutung und Wirksamkeit der modernen Medizin an. Es ist ein klarer Appell an die Grundtugenden der Wissenschaft, Skepsis, Kritik und Reflektiertheit, ohne Anspruchsdenken oder Allmachtsfantasien mit klarem Hinweis auf die Kränklichkeit und Vergänglichkeit als unauflösliche Natur des Menschen. Medizin könne zwar, so der Ethiker, sehr hilfreich und segensreich sein, die Bedingungen der menschlichen Existenz könne sie aber nicht verändern. Diese Rolle sollte den Religionen vorbehalten bleiben.


"Heilswissenschaft. Über Verheißungen der Medizin" von Urban Wiesing, ist im Mai 2020 im S. Fischer Verlag erschienen und als gebundenes Buch für 20 Euro im Buchhandel um die Ecke oder online bei buch7.de, dem Online-Buchhandel mit sozialer Seite, erhältlich

Urban Wiesing ist deutscher Medizinhistoriker und -ethiker und Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin der Eberhard Karls Universität Tübingen.

Ein Artikel von
Freie Autorin, Text, Lektorat