Ab auf die ARTE-Couch

In Therapie - auf der ARTE-Couch

Ab auf die ARTE-Couch

von Martina Seifert, Texterin, Lektorin, Yogalehrerin

35 Sitzungen, ein Psychotherapeut, fünf Klient*innen und eine Supervisorin – viel mehr brauchte es nicht, um eine brillante neue Fernsehserie ins Leben zu rufen: "In Therapie" von Éric Toledano und Olivier Nakache, die seit ihrem Filmerfolg "Ziemlich beste Freunde" in Frankreich gefeierte Regisseure sind.

In Therapie

Eine Freundin hatte mich auf die ARTE-Couch eingeladen, die ich in den nächsten Wochen nicht so schnell wieder verlassen sollte. Nachdem ich die ersten Folgen gesehen hatte, zog es mich Abend für Abend vor den Bildschirm, um die französische Serie "In Therapie" weiterzuverfolgen. Zugegeben, zunächst erschienen mir die Analysen des Therapeuten etwas zu verkopft und intellektuell, - Freud hin, Lacan her, – es fehlte mir einfach an Herz. Doch bald sollte ich die Couch nicht so schnell wieder verlassen.

Fünf Klient*innen, ein Therapeut

Alles beginnt im November 2015 in Paris, einen Tag nach den islamistischen Terroranschlägen, bei denen 130 Menschen ums Leben kamen. Dr. Philippe Dayan (Frédéric Pierrot) empfängt jede Woche fünf Klient*innen auf seiner Couch, deren persönliche Problematik auf unterschiedlichste Weise mit den Anschlägen verflochten ist. Sie und auch der Therapeut selbst geraten immer wieder in den Strudel der schrecklichen Ereignisse, hin zu den eigenen Abgründen und großen existentiellen Fragen.

Klarer Fall von Übertragung

"In Therapie" ist keine Serie über die Attentate, sondern über die menschliche Psyche, die ganz unterschiedlich auf Einflüsse im Außen reagiert. Da ist die sensible Chirurgin Ariane, gespielt von der großartigen Mélanie Thierry, die so zart und intensiv vor der Kamera agiert, als sei sie reines Gefühl. Sie hatte am Abend der Anschläge Notdienst und 48 Stunden operiert. Nach dieser fast unmenschlichen Anspannung sucht sie Befreiung in einem kurzen Sex-Abenteuer, – so erzählt sie es Dayan, dem sie gleichzeitig ihre Liebe gesteht. Klarer Fall von Übertragung, diagnostiziert der Psychoanalytiker trocken – und doch fällt es ihm zunehmend schwerer, sich der magischen Anziehung, die die junge Frau auf ihn ausübt, zu widersetzen.

Männlichkeit und Trauma

Auch Adel Chibane, Mitglied einer Spezialeinheit der französischen Polizei, findet Platz auf Dayans Couch. Ein eisenharter Mann mit algerischen Wurzeln, den die Attentate retraumatisiert haben. Getrieben von Panikattacken und Angst tigert er unruhig durch das Therapiezimmer, ringt mit sich und seinem Leben. Doch von Trauma will er nichts wissen. Er verspricht sich eine schnelle Lösung seiner Probleme, die kaum der Rede wert sind. Schließlich hat er nur seinen Job gemacht, der den Anblick von blutüberströmten Leichen nun mal mit sich bringt. Doch der Geruch des Blutes in der Nase bleibt. Überzeugend und authentisch spielt Reda Kateb diesen starken und zugleich sensiblen Charakter.

Emotionaler und sexueller Missbrauch

Auch die 16-jährige Leistungsschwimmerin Camille (Céleste Brunnquell) geht bei ihrem ersten Besuch des Therapeuten nicht davon aus, dass es zu einer tiefgehenden Analyse kommen könnte. Sie hatte einen schweren Fahrradunfall. Beide Arme in Gips sitzt sie auf der Couch und plappert fröhlich über emotionalen und sexuellen Missbrauch. Dayans Blick wird ernst und der Analytiker fragt sich, ob der Unfall nicht in suizidaler Absicht geschah.

Privates Drama und Weltgeschehen

Und dann ist da noch dieses zerstrittene nervige Ehepaar, Damien und Léonora, gespielt von Pio Marmaï und Clémence Poésy, die ein Kind erwarten und sich nicht sicher sind, ob sie es behalten oder die Schwangerschaft abbrechen wollen. Hier spiegeln sich auf tragikomische Weise weltliche Konflikte im hasserfüllten Ehestreit.

Die Supervisorin

Auch der Hauptprotagonist, Dayan, sucht immer wieder freitags eine Therapeutin (Carole Bouquet) auf. Wir lernen seine inneren Dämonen kennen, sein Begehren, seine Versagensängste, seine Reflexionen über die Chancen auf Heilung.

Fazit

Ob Therapeut, Klient*in oder Supervisorin, - sämtliche Darsteller*innen sind geprägt von ihren Kindheits- und Jugenderfahrungen, von Verlust durch Trennung oder Tod. Sie empfinden Schuld und Scham und kämpfen verzweifelt gegen ihre destruktiven Reaktionsmuster, die diese zutiefst menschlichen Gefühle hervorrufen können. Und wir? Wir sind immer ganz dicht am Geschehen, hören die Tränen fließen, schmecken den Angstschweiß und riechen den panischen Atem. Diese zutiefst sinnlichen Erfahrungen, begleitet von der ruhigen Stimme des Analytikers, führen uns weit über das eigentliche Filmgeschehen hinaus in die eigene Tiefe, - in die Begegnung mit uns selbst.

Alle Folgen der Serie "In Therapie" stehen noch bis zum 27. Juli 2021 in der ARTE-Mediathek zur Verfügung.

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Danke schön für's Warten.