Brennnessel - Köstliche Heilpflanze

Heilpflanze des Jahres 2022

Brennnessel - Köstliche Heilpflanze
© Pixabay

von Martina Seifert, Texterin, Lektorin, Yogalehrerin

Sie brennt wie Feuer, hat aphrodisierende Wirkung, verfeinert Speisen und Getränke und gilt als ausgesprochen vielseitige Heilpflanze: die Brennnessel. Im Juni letzten Jahres ist die Brennnessel von der Experten-Jury des Paracelsus e. V. (NHV Theophrastus) zur Heilpflanze des Jahres 2022 gekürt worden.

Heilpflanze 2022 - die wehrhafte Brennnessel

Als Heilkraut ist die Brennnessel (Urtica dioica), die der Familie der Brennnesselgewächse (Urticaceae) angehört, auf vielseitigste Weise einsetzbar. Dabei kann die gesamte Pflanze – vom Samen bis zur Wurzel – therapeutisch genutzt werden. Grund genug für die Jury des NHV Theophrastus auf das einheimische Gewächs aufmerksam zu machen und zur Heilpflanze des Jahres 2022 zu wählen.

Obwohl die Brennnessel in unseren Breiten eines der bekanntesten Kräuter ist, ist das Gewächs nicht besonders beliebt. Im Garten gilt die Brennnessel sogar oft als unerwünschtes Unkraut. Zudem fürchten viele ihre feinen Brennhaare, denen die Pflanze ihren Gattungsnamen (Urtica) verdankt. Kommen wir in Berührung mit den feinen Härchen, kann der darin enthaltene Drüsensaft ein brennendes Gefühl auf der Haut verursachen und zu Rötungen und Quaddeln (Urtikaria, Nesselsucht) führen. Sobald die Brennnessel getrocknet wird, verlieren die Brennhaare allerdings die gefürchtete Wirkung.

Ihren zweiten Namen "dioica" verdankt die Brennnessel dem Tatbestand, dass sie zu den zweihäusigen Pflanzenarten zählt, auf denen weibliche und männliche Blüten jeweils auf unterschiedlichen Pflanzen zu finden sind. Im Volksmund ist die Brennnessel unter vielen weiteren Namen bekannt wie Donnernessel, Feuerkraut, Gichtrute, Hanfnessel, Nessel, Tausendnessel u. v. m.

Geschichte der Brennnessel

Die Brennnessel ist seit mehreren tausend Jahren bekannt. So wurden beispielsweise Überreste der Pflanze, die auf ihre medizinische Anwendung hindeuten, in der Schweiz in neolithischen Pfahlbauten aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. gefunden. Auch die Griechen und Römer der Antike wussten um ihre heilsamen Kräfte. Hippokrates (460–370 v. Chr.) betonte vor allem die blut- und darmreinigende Wirkung des Heilkrautes, die Römer behandelten Rheuma und Verspannungen der Muskulatur durch Abklopfen der Haut mit der rohen Pflanze (Urtikation), Pedanios Dioskurides, einer der bekanntesten Ärzte der Antike, wusste die Brennnessel ebenfalls sehr zu schätzen und beschrieb im 1. Jahrhundert detailliert ihre Anwendung. Plinius der Ältere lobte ihre blutstillende Kraft und die alten Germanen verspeisten die Pflanze, um ihre Potenz steigern.

Rezepte von Hildegard von Bingen und Paracelsus

Die große Heilkraft der Brennnessel war auch noch im Mittelalter bekannt. Vor allem bei Beschwerden wie Asthma oder Rheuma kam die Heilpflanze zum Einsatz. Hildegard von Bingen wendete die Brennnessel vornehmlich bei Vergesslichkeit und Konzentrationsschwäche an. Die Wirkung lässt sich unter anderem auf den hohen Eisengehalt der Pflanze zurückführen, der dreimal höher ausfällt als bei Spinat. Dabei wendete Hildegard von Bingen folgende Rezeptur an: junge frische Brennnesseln zerstoßen und mit so viel Olivenöl vermischen, bis die Brennnessel vollkommen bedeckt ist, um Schimmelbildung zu vermeiden. Die Salbe vor dem Schlafen auf Brust und Schläfen verteilen. Die Anwendung sollte mindestens ein bis zwei Monate lang erfolgen.

Außerdem nutzte die Mystikerin den Saft der Brennsessel zur Heilung von Krampfadern sowie bei Venenschwäche und -entzündungen an. Dazu empfiehlt Hildegard von Bingen, Brennnesselsaft auf die Haut aufzutragen und mit einem Hanftuch zu umbinden. Zusätzlich kann Mariendistelsaft aufgetragen werden. Dabei sollte die Konzentration des Brennnesselsaftes täglich erhöht werden.

Auch Paracelsus (1493–1541), der Namensgeber des NHV Theophrastus, wusste die große Heilkraft der Brennnessel zu schätzen und empfiehlt, die frische Pflanze zu kochen, mit Pfeffer oder Ingwer zu mischen und als Umschlag bei Gelenkschmerzen aufzulegen.

Die Heilkraft der Brennnessel in der Moderne

Der Brennnessel erging es allerdings nicht anders als vielen anderen Heilpflanzen auch. Das Wissen um ihre Vielseitigkeit ging mehr und mehr verloren. Schließlich wurde die Pflanze zu nutzlosem Unkraut abgestempelt, dass es auszurotten galt. Mittlerweile genießt die Heilpflanze aber wieder zunehmend an Ansehen. Ihre hohe Heilkraft bei Rheuma sowie bei Harnwegsinfekten oder Nierengrieß wurde mehrfach wissenschaftlich belegt. Außerdem wirkt die Brennnessel nachweislich antioxidativ und entzündungshemmend, durchblutungsfördernd, harntreibend, immunmodulierend und schmerzstillend. Sie regt den Stoffwechsel an und lindert Beschwerden an der Prostata. Zudem hat sich die Anwendung von Brennnesselsamen bei Haarausfall, Potenzsschwäche und als allgemeines Kräftigungsmittel bewährt.

Brennnessel als Superfood

Inzwischen hat sich die Brennnessel nicht nur als Heilkraut bewährt, sondern auch als sogenanntes Superfood. Ob als Chips, Gnocchi, Pesto, Knödel, Salat, Suppe, Tee oder als Ersatz für Spinat, - aufgrund ihrer zahlreichen Mineralstoffe und Vitamine und dank ihres lecker nussigen Geschmacks fehlt die Brennnessel inzwischen kaum mehr auf der Speisekarte. Blätter und Stängel der Brennnessel enthalten zahlreich sekundäre Pflanzenstoffe wie Flavonoide sowie Mineralstoffe. Als Teeaufguss, egal ob frisch oder getrocknet, oder im Smoothie wirkt die Brennnessel entgiftend und stimuliert Stoffwechsel und Gallenfluss. Außerdem gilt der Samen der weiblichen Brennnessel als wahres Eiweißwunder, von dem neben Sportler*innen auch Veganer*innen profitieren können. Daneben enthält der Samen ungesättigte Fettsäuren wie Linolsäure sowie Vitamine und Beta Carotin.

Die Bedeutung der Brennnessel für die Natur

Nicht zuletzt spielt die Brennnessel eine entscheidende Rolle in der Natur. Sechs Schmetterlingsarten, darunter der Admiral, der Kleine Fuchs oder auch das Tagpfauenauge legen ihre Eier auf der Pflanze ab. Später nutzen die Raupen die Pflanze als Futter. Der Vorsitzende der Experten-Jury des NHV Theophrastus, Heilpraktiker Konrad Jungnickel äußert sich folgendermaßen dazu:

„... sie ist fast ausschließliches Nahrungsmittel für die Raupen einiger Schmetterlingsarten. Deshalb sollte sie nicht schonungslos aus unseren Gärten verbannt werden.“

Deshalb sollten alle Hobby-Gärtner*innen der Brennnessel eine kleine Ecke in ihrem Garten einräumen. Wenn die Pflanze zu sehr wuchert, kann sie ganz leicht zurückgeschnitten werden. Besonders passionierte Gärtner*innen stellen aus den anfallenden Pflanzenresten Brennnesseljauche her. Dazu werden 1 kg Brennnesseln pro 10 Liter Wasser angesetzt und einige Wochen gegärt. Der ziemlich übelriechende Sud eignet sich circa 1:10 verdünnt hervorragend als Dünger für Rosen sowie Gemüse und Obstbäume, da die Brennnessel den Pflanzen reichlich Stickstoff bietet. Zur Bekämpfung von Schädlingen wie Läuse oder Schnecken kann die Jauche auch unverdünnt eingesetzt werden.

Brennnessel als regionale Ressource

Das große Spektrum an Anwendungsmöglichkeiten der Brennnessel seit Jahrtausenden zeigt sich auch bei der Herstellung von Papier, Kleidung, Seilen und Segeltuch sowie beim Färben von Wolle.

Mehr Wissenswertes über die Brennnessel

Die "Heilpflanze des Jahres" wurde bereits zum 20. Mal im Auftrag des NHV Theophrastus gekürt, um traditionelles und modernes naturheilkundliches Wissen zu erhalten und weiterzugeben. Vorgänger der Brennnessel waren unter anderem das Gänseblümchen und der Meerrettich. Auf der Webseite des Vereins NHV Theophratsus finden Sie viele weitere Informationen rund um die Brennnessel, darunter auch einen Online-Vortrag von Professor Dr. Christian Güldner.

Wichtige Eckdaten zur Brennnessel

Wissenschaftlicher Name: Urtica dioica
Höhe: 30 bis 150 cm
Blütezeit: Juli bis September
Ernte: März bis Dezember
Inhaltsstoffe: Vitamin A, Vitamin C, Eisen, Eiweiß, Folsäure, Kalium, Kieselsäure, Magnesium, Karotinoide, Kalzium, Chlorophyll und Flavonoide

Ein Artikel von Martina Seifert

Freie Autorin, Text, Lektorat

Hegede 6
33617 Bielefeld

www.martinaseifert.de

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