Zu wenig Ärzte...

stimmt das überhaupt?

von Thomas Reimer © AdobeStock_289999975
12. Februar 2026 von Rudolf Hege

Schaut man in die Presse oder hört den Talkshows zu, so scheint es hinten und vorne an Ärzten zu mangeln. Und viele Patienten verzweifeln daran, einen – zeitnahen – Facharzt-Termin zu bekommen.

Und alle sind sich einig, wir haben zu wenig Ärzte. Nur stimmt das überhaupt? Und zu wenig, im Vergleich zu was?

Schauen wir uns einfach mal die Zahlen an: 1991 hatten wir knapp 237.000 Ärzte. Heute sind es über 423.000 – ein Plus von fast 80 Prozent. Aber vielleicht ist seit 1991 die Bevölkerung gewachsen? Ja, aber nicht viel, von 80,3 auf 84,7 Millionen. Also 80 Prozent mehr Ärzte für ein paar Prozent mehr Menschen. Uups…

Aber wieso bekommt man dann so schlecht einen Termin beim Facharzt?

Als Begründung wird dann gerne auf mehr Bürokratie verwiesen – und auf mehr alte, länger lebende und damit auch länger kranke Menschen. Stimmt schon, aber erklärt das dieses Missverhältnis? Dazu kommt, dass wir jedes Jahr 10.000 neue Mediziner zulassen – und die Ausbildung jedes Einzelnen hat uns Steuerzahler rund 300.000 € gekostet. So viel kostet ein Medizinstudium den Staat – also uns alle.

Da muss also noch etwas anderes passiert sein seit 1991. Bei genauem Hinschauen fallen einem doch so einige Unterschiede auf. Ich bin seit 1989 Heilpraktiker und habe daher die Entwicklung hautnah mitverfolgt.

1. Es hat sich am „Ärzteethos“ etwas verändert. Der gute alte Hausarzt, der noch spät abends bei seinen Patienten vorbeischaute, ist quasi ausgestorben. Die heutigen Ärzte – vor allem die angestellten – sehen sich als normale Arbeitnehmer mit Arbeitszeiten, Urlaubsanspruch usw. Viele – gerade Frauen – arbeiten auch Teilzeit. Das kann man keinem Arzt, keiner Ärztin vorwerfen, denn wir anderen machen es ja auch nicht anders. Doch es führt eben dazu, dass für die gleiche Patientenzahl mehr Ärzte benötigt werden.

2. Die Medizin nimmt immer mehr Bereiche unseres Lebens in Besitz. Wenn ich sehe, wie viele Menschen – schon junge – beispielsweise Schilddrüsenhormone regelmäßig nehmen, dann hat das drastisch zugenommen. Immer mehr Menschen sind in ständiger Behandlung. Sind wir heute wirklich kränker als früher?

Früher kurierte man eine Erkältung durch Bettruhe und Hausmittel aus – heute sitzen im Winter die Wartezimmer voller verschnupfter Nasen, die sich und andere auch noch gegenseitig anstecken. Aber auch ein an einer banalen Infektion leidender Patient nimmt ein Stück der Arztzeit in Anspruch – wofür bezahlt er schließlich seine Kassenbeiträge… Früher ging man zum Arzt, wenn es unbedingt sein musste, heute gehört der regelmäßige Arztbesuch für viele zum ganz normalen „Lifestyle“.

3. Die Medizin ist heute – mehr als 1991 – ein riesiger Markt geworden. Und alle, die dort tätig sind, wollen – ja, müssen - verdienen. Wenn sich heute ein Radiologe für einige Millionen Euro ein MRT zulegt, dann muss er es auslasten, sonst rechnet es sich nicht. Also betreibt er Öffentlichkeitsarbeit – bei seinen Kollegen und durch Vorträge, mit dem Ziel mehr Patienten in seine Praxis zu lotsen. Auch Kliniken müssen sich möglichst gut auslasten, denn der Betrieb einer Klinik kostet viel Geld. Daher sind viele kleinere Kliniken inzwischen kurz vor der Pleite. Ob das alles NOTwendig ist, fragt kaum noch jemand, denn „viel hilft viel“, denken doch die meisten.

4. Durch „Aufklärung“ der Medien (man könnte auch Panikmache sagen) ist bei vielen Menschen das Gefühl entstanden, dass der Tod hinter der nächsten Ecke lauert. Und dem will man vorbeugen, durch möglichst viel Vorsorge. Aber, je mehr Diagnostik, desto mehr Behandlung. Behandlungen, das ist inzwischen auch bekannt, ziehen aber oft weitere Behandlungen nach sich – und Nebenwirkungen. Der Klassiker: Die Arthroskopie. Da „schaut“ der Chirurg mal „kurz“ in ein Knie, schnippelt ein wenig „Plica“ weg (eine Schleimhautfalte im Knie, die sich – in seltenen Fällen – entzünden kann), weil er dann einen chirurgischen Eingriff abrechnen kann, statt nur einen diagnostischen (schlechter bezahlt). Dadurch verstärkt sich allerdings oft eine bereits bestehende Arthrose, sodass in absehbarer Zeit ein „neues“ Knie fällig werden kann. Habe ich x-mal bei Patienten beobachtet. Inzwischen gelten in Europa die Folgen (falscher) medizinischer Behandlungen und Medikamente zu den häufigeren Todesursachen.

Vor 30 Jahren galt beispielsweise: Lebensalter plus 100 = normaler Blutdruck. Also 160mm/Hg wäre für einen 60-jährigen normal gewesen. Heute gilt ein Blutdruck von 120/80 als anzustreben. Das klappt aber in den meisten Fällen nur durch Medikamente – und zwar lebenslänglich. Und erst das böse Cholesterin, das unbedingt auf unter 100 gedrückt werden sollte, was auch nur medikamentös gelingt. Statistisch bringen Blutdruck- und Cholesterinsenkung dann einigen ein paar Jahre mehr, aber die meisten schlucken die Pillen ohne Nutzen.

Zusammengefasst: Der Ärztemangel ist das Ergebnis von gestiegenen Patientenansprüchen an Diagnostik und Therapie, einer veränderten Einstellung vieler Ärzte zu ihrem Beruf, gestiegenen bürokratischen Anforderungen – und ständig neuen – angeblich wichtigen – Untersuchungen und Behandlungen, die in der Praxis nur wenigen nutzen, aber vielen schaden.

Bezahlen müssen wir alle das ständig wachsende Gesundheitswesen (das eigentlich ein Krankheitswesen ist) mit steigenden Beiträgen und Zuzahlungen.

Eine Lösung ist leider nicht in Sicht, denn dazu müssten wir alle, „Kunden“ wie „Anbieter“ umdenken bzw. unsere Prioritäten ändern... Oder wir müssen den aufgeblasenen Apparat eben entsprechend bezahlen.

Ein Artikel von
Rudolf Hege

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