Ich bin ein Teil des Waldes

Im Gespräch mit Wolf-Dieter Storl

18. April 2013

Petra Jastro:
„Die Natur ist die Quelle des Heiligen". Dieser Satz von Ihnen deutet an, dass Sie eine andere Sichtweise von der Natur haben. Erzählen Sie uns etwas darüber?

Wolf-Dieter Storl:
Wir selbst sind Natur, sind Teil der Natur. Es ist nicht so, dass die Natur etwas anderes wäre, sie ist nicht außerhalb von uns. Als Ethno-Botaniker und Anthropologe (Völkerkundler) sehe ich heute viele Dinge aus der Perspektive der Völker und Stämme, mit denen ich viele Jahre zu tun hatte. Ich war lange bei den Indianern, den Cheyenne und in Südasien habe ich die hinduistische Kultur studiert. Unsere westliche Kultur hat einen ganz anderen Blickwinkel als diese Kulturen. Wir haben eine sogenannte objektive Sichtweise entwickelt, und machen die Welt damit zum Gegen-stand. Dieser Gegenstand können wir dann von außen analysieren und messen. Aus der schamanischen Sichtweise z.B. geht man in den Gegenstand, wird Teil des Gegenstands, durch Meditation, durch Resonanz und verbindet sich. Die moderne Gesellschaft glaubt, dass diese entfremdende Sicht-weise eine Art Fortschritt ist!
Ich glaube das nicht. Ich denke auch nicht, dass wir viel klüger geworden sind, aber wir vergessen ganz einfache Sachen wie man z.B. eine Kuh melkt.

Wir sind alle ziemlich überkopft und verschult. Wir lernen die Natur aus dem Schulbuch und aus dem Reagenzglas kennen und der Lehrer erklärt sie uns. Das entspricht nicht dem wie wir uns als Menschen entwickelt haben, als Teil der Natur.

Petra Jastro: Sind daraus Ängste und Hysterien entstanden?
Wolf-Dieter Storl:
Ein Beispiel: Vor einigen Jahren waren gerade die Walderdbeeren reif. Mir begegnete eine Mutter mit kleinem Kind. Das Kind wollte gerade eine schöne rote Erdbeere kosten, da schrie die Mutter das Kind an: Vorsicht, mach das nicht, da könnte ein Fuchsbandwurm drauf sein. So etwas ist ein Schock für einen Menschen, ein Schreck, der lange bleibt. – Aber die Realität ist anders. Der Fuchsbandwurm ist eine theoretische Möglichkeit. Im Jahr tauchen in ganz Europa höchstens 300 Fälle auf, bei einer Bevölkerungsdichte von rund 700 Millionen Menschen. Die Möglichkeit vom Blitz getroffen zu werden ist viel größer, als einen Fuchsbandwurm zu bekommen!
Da wir uns so weit von der Natur entfernt haben, haben wir Berührungsängste, das fängt schon in der Kindheit an wie das Bei-spiel zeigt. Es ist aber wichtig, dass die Kinder auch auf dem Boden herumkriechen und auch mal etwas Dreck essen dürfen. Denn das trainiert das Immunsystem. Viele Auto-Immunerkrankungen können entstehen, da wir so steril leben. Darüber hinaus machen Impfungen und Antibiotika das Immunsystem arbeitslos, das dann ab und an ganz irre reagiert. Da kommt ein kleiner Pollen angeflogen und es gibt Großalarm. Eine Immunreaktion, die überzogen ist. Es ist schade, dass die Natur für die modernen Menschen letztendlich unnatürlich geworden ist.

Petra Jastro: Wo finden wir Hilfe aus der Natur?
Wolf-Dieter Storl: Unmittelbar rund ums Haus. Denn die besten Heilpflanzen wachsen zwischen Haustür und Gartentor. Andrew Weil, in den USA bekannter Arzt
und Freund von mir, formulierte es so: „Wenn die Leute wüssten, was die Unkräuter rund ums Haus für Heilkräfte hätten, dann würde das ganze Medizinsystem entlastet.“ Nach seiner Einschätzung bis zu 60%. Ich würde sagen, dass er es sogar bis zu 90% sind.

Petra Jastro: Können wir mit der Natur kommunizieren?
Wolf-Dieter Storl:
Ich wurde schon oft gefragt: „Glauben Sie an Elfen und Geister“, und ich habe geantwortet: Das ist keine Sache des Glaubens sondern eine Sache der Erfahrung, des erweiterten Bewusstseins, solche Dinge wahr-zunehmen. In unserer heutigen schnelllebigen Zeit fokussieren wir sehr viel, lassen uns ablenken. Das entspannte bewusste Aufnehmen ist uns fremd geworden. Wir sind zu schnell geworden. Wir fahren auf einer Auto-bahn in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit und sehen die Pflanzen am Wegesrand gar nicht mehr.

Petra Jastro: Wie unterscheiden sich Pflanzen von Tieren und Menschen? Ich habe von Ihnen gelesen, dass z.B. bei vielen Tieren Nahrungsaufnahme und Fortpflanzung in der Waagerechten sind, beim Menschen diese Achse von oben nach unten verläuft und bei den Pflanzen von unten nach oben?
Wolf-Dieter Storl:
Ja, man kann sagen, die Pflanzen haben die Fortpflanzung in der Wärme, zur Sonne gerichtet. Die Wurzeln sind Informationsempfänger, nehmen Wasser und Nährstoffe auf und sind über Pilzfäden (Myzeliennetze) mit anderen Pflanzen verbunden. Die Wurzeln der Pflanzen entsprechen dem Gehirn des Menschen. Man könnte sagen, die Pflanzen sind ein Spiegel des Menschen. Wir Menschen nehmen alles über den Kopf auf, bei den Pflanzen ist es umgekehrt. Ein schönes Beispiel für die Polarität. Wir sind wie umgekehrte Pflanzen. „Unser Kopf ist allerdings abgeschlossen vom Ganzen.“ Das Blattwerk in der Mitte der Pflanzen ist ihr Atmungsorgan. Aus dem CO2, das sie einatmen, bauen sie ihren Körper auf. Beim Menschen wird in der Mitte des Körpers, von der Lunge, das CO2 ausgestoßen, also genau umgekehrt zu dem was die Pflanzen produzieren, nämlich Sauerstoff. Das eine kann es nicht geben ohne das andere. Auch unser Blut zeigt diese Polarität. Es ist rot und das Chlorophyll ist grün. Aber es ist nahezu identisch mit dem Chlorophyll und unterscheidet sich nur durch ein Eisenatom.

Petra Jastro: Hat jede Pflanze eine Botschaft?
Ein Zitat von Ihnen beschreibt so etwas: „Wer die Pflanzen schätzt und sie lieb hat, heilt über die Substanz hinaus mit der Verbundenheit.“ Jeder Pflanze ist eine Heilpflanze und eine Zauberpflanze. Wir können uns dieses Wissens bedienen, uns mit den Pflanzen verbinden und sie nutzen...
Was können wir tun, um wieder mehr in den Einklang mit der Natur zu kommen?

Wolf-Dieter Storl:
Die meiste Zeit sind wir in viereckigen Räumen und sitzen vor einem Bildschirm. Das hat ja durchaus eine Wirkung auf die Psyche. So tritt die Heimat, die Natur in den Hintergrund. Im Laufe der Zeit werden Menschen auch krank davon. Wenn man wieder ins Gleichgewicht kommen möchte, kann man mit kleinen Schritten beginnen. Da helfen Freunde wie Hunde, oder man geht einfach jeden Tag raus in die Natur, um die Sonne auf der Haut zu spüren, die Blumen zu schnuppern, streckt die Arme in den Himmel und lässt die Sonne auf die Handinnenflächen scheinen. Im Sommer barfuß zu gehen, ist eine wahre Freude. Dann braucht man auch keine Fußreflexzonenmassage. Die Füße sind ein Sinnesorgan. Wenn man über eine Wiese geht, Schotter oder Asphalt, wird man erfahren,
dass sich alles anders anfühlt. Die Aufgabe ist, wieder in unsere Sinne zu gehen, nicht nur im Kopf zu sein, sondern real, den ganzen Körper mit der Umwelt zu verbinden, dann fühlt sich unsere Seele zu Hause. Wir waren Jäger und Sammler, seit Jahrmillionen und da sind unsere Wurzeln.
Dass der Mensch vor ca. 10.000 Jahren sesshaft wurde, ist nahezu bedeutungslos im Vergleich zu dieser großen Zeitspanne. Die Fähigkeiten von damals haben wir immer noch in uns. Man kann sich immer wieder mit der Natur verbinden. Auch in der Stadt, überall können kleine Pflänzchen entdeckt werden, in Hinterhöfen, an Mauernischen. Man kann einem seltenen Schmetterling zusehen, einem Vogel zuhören, einen Käfer entdecken und die Naturverbindung beibehalten. Damit man sich selbst nicht so verliert, wie so viele Menschen heute.

Es gibt eine Untersuchung darüber, dass Pflanzen auf äußere Ereignisse reagieren, und Tier und Menschen an ihrer Ausstrahlung wieder erkennen. Können Sie uns das Wesen der Pflanzen einmal erklären?
Das war Cliff Baxter aus New York, der diese Untersuchungen Anfang der 60er Jahre gemacht hat. Es begann damit, dass er einen Lügendetektor an eine Pflanze anschloss, an einen Drachenbaum. Er
fragte sich, ob die Pflanze wohl reagieren würde, wenn er ein Blatt in den heißen Kaffee tauchen würde, oder es mit Feuer ansengen würde? Das Interessante war nicht nur die Reaktion auf sein Tun, sondern die Pflanze reagierte bereits auf seinen absichtsvollen Gedanken. Das war ein überaus interessantes Ergebnis: Pflanzen nehmen telepathisch wahr.

Petra Jastro: Ist das auch ein altes Wissen der Naturvölker? Sie haben viele Bücher dazu geschrieben: Mit Pflanzen verbunden, Pflanzendevas, u.a.
Wolf-Dieter Storl:
Für die Cheyenne und andere Naturvölker sind Pflanzen seit jeher mit Geist und Seele verbunden. Geist und Seele umschweben das Pflanzenwesen im Außen. Bei uns Menschen ist es umgekehrt und Seele und Geist sind im Inneren. So sind beim Menschen die inneren Organe, z.B. das Herz, Träger des seelischen Zustandes. Die Pflanzen wiederum empfangen ihre Impulse von außen, von der Sonne, dem Mond und von elektromagnetischen Feldern. Pflanzen haben biologische Uhren, die mit kosmischen Rhythmen verbunden sind. Sie gehen in Schlafstellung und öffnen und schließen ihre Blüten zu ganz bestimmten Zeiten, – und verschiedene Arten tun das zu unterschiedlichen Zeiten. Pflanzen sind makrokosmisch. Auch wir Menschen bekommen Impulse von außen, aber auch aus unserem Inneren. Man denke da z.B. an die innere Uhr der Organe. Menschen, die Nahtoderfahrungen hatten, haben sich von außen gesehen. Das zeigt, dass die Seele sich auch außerhalb des Körpers erleben kann. Auch bei Vergiftungszuständen oder bei schamanischen Reisen kann das passieren. Das ist für uns ein außergewöhnlicher Zustand. Für die Pflanze ist es der normale Zustand. Die Inder sagen, wer Pflanzen erleben will,
begibt sich auf ihre Ebene in die Meditation und nimmt mit ihnen so Verbindung auf. Das machen auch die Indianer und die Naturvölker im Amazonas. Sie alle reden mit den Pflanzengeistern und die Pflanzen geben Antworten. Das ist eine ganz andere Sichtweise als wir sie haben, denn wir reden nicht mit den Pflanzen. Der normale wissenschaftlich geschulte Mensch kann sich das nicht vorstellen und hält das für eine große esoterische Spinnerei. Aber es gibt viele Möglichkeiten, diese Dinge zu erleben. Der Findhorngarten in Schottland ist ein bekanntes Beispiel dafür. Damals übte sich Dorothy Maclean in Meditationen und verband sich mit den Pflanzen-Energien, so wie wir es aus der Ethnologie der Naturvölker kennen. Die Schönheit des Findhorngartens ist in die Geschichte eingegangen.Auch wenn unser heutiges Weltbild reduktionistisch ist, und nicht mehr weiß, was es mit solchen Sachen anfangen soll. Sie sind real!

Danke Ihnen herzlich. Petra Jastro. Teutoburger Meile

Vorankündigung:
Wolf-Dieter Storl in Bielefeld am 18. Juni in der Ravensberger Spinnerei
Wolf-Dieter Storl berichtet aus seinem neuen Buch „Wanderung zur Quelle“ und stellt den neuen Film „Rückkehr an den Ganges“ vor.

www.storl.de