Auf der Suche nach dem verlorenen Trost

Trost. Briefe an Max - von Thea Dorn

Auf der Suche nach dem verlorenen Trost

von Martina Seifert, Texterin, Lektorin, Yogalehrerin

„Trost. Briefe an Max“ ist der Titel des neu erschienenen Romans von Thea Dorn, in dem die verzweifelte Protagonistin Johanna in dieser von so vielen Menschen als trostlos empfundenen Zeit der Pandemie nach Tröstung sucht.

 

Gefühlsbad einer Verzweifelten

Seit dem Frühjahr letzten Jahres gibt es kaum einen Menschen auf dieser Welt, der nicht des Trostes bedürfte oder andere auf die ein oder andere Weise tröstet. Thea Dorn fand u. a. im Schreibprozess ihren Seelenfrieden und entwarf Johanna, eine Romanfigur, die sich auf ihrer Suche nach Trost mit den großen existenziellen Themen auseinandersetzt – sehr emotional, klug und humorvoll.

Der fragende Philosoph

Alles beginnt mit einer Postkarte von Max, Johannas altem Philosophielehrer, einem rigorosen „Digitalverweigerer“, der, wie könnte es anders sein, auf einer griechischen Insel lebt. Seine lakonische Frage „Wie geht es dir?“ löst in Johanna, die gerade ihre lebenslustige 84-jährige Mutter durch Corona verloren hat, einen Schwall der Gefühle aus, den sie aufs Papier bringt.

Doch auf den verzweifelten Versuch, ihre extreme Gefühlslage zu schildern, folgen nicht wie erwartet tröstende Worte. „Bist du noch bei Trost?“ ist die kurze Antwort, die Johanna aufrüttelt und zutiefst provoziert, sich ihren inneren Dämonen zu stellen, die hinter ihrem immensen Zorn, ihrer Wut und Trauer lauern. Doch zunächst hält sie sich an ihren Zorn. Geht in den Widerstand. Sie befindet sich im „Rebellionsmodus“, sucht Trost in der Untröstlichkeit, - denn, wo sollte sie Trost finden in einer Zeit ohne menschliche Nähe?

Ein existenziales Experiment

Johanna erhält weitere Postkarten, die wie spitze Nadelstiche wirken, darunter auch eine Kunstpostkarte mit einem Bild von Jacques Louis David, „Der Tod des Sokrates“, auf den der zum Tode verurteilte Philosoph auf seinem Sterbebett sitzend seinen Freunden mit dem Giftbecher zuprostet. Sie empfindet diese Metapher als blanken Hohn, flüchtet sich erfolglos in Ablenkungen, um ihrem Schmerz zu entkommen. Doch Max lässt nicht locker und Johanna wird klar, dass sie in ihrem Zorn keinen Trost finden wird. Sie steht vollkommen nackt da. Untröstlich und einsam versucht sie, in einem existenzialen Experiment sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen" wie die Autorin es formuliert.

Heilsame Philosophie

Johanna sucht schließlich, in der klassischen Philosophie Trost, die sich seit der Antike immer wieder mit den Themen Trost und Tröstung beschäftigt hat. Sie liest Sokrates, der seine Freunde angesichts seines bevorstehenden Todes zu trösten versucht, und Seneca, der, acht Jahre im Exil, sich mit seinen Schriften nicht nur selbst zu trösten versucht, sondern auch seine Mutter.

Langsam erkennt Johanna, dass wir unsere Sterblichkeit ausklammern, während ein Virus uns eines Besseren belehrt. Sie spürt diese tiefe Zerrissenheit, schwankt und geht mutig durch das Gefühlschaos, lässt alles zu, die Wut, den Zorn, den Schmerz, die Verzweiflung. Es scheint nur zwei Alternativen zu geben, um in Zeiten von Corona leben zu können: die Anerkennung von Krankheit und Tod zugunsten unserer äußeren Freiheit oder eine gelassene Haltung gegenüber den harten Einschränkungen zur Eindämmung der Pandemie. Welche Haltung wir auch einnehmen, keine scheint heilsam. Eine Tragödie, ein ewiges Hin und Her, mit dem wir immer wieder neu unseren Umgang finden müssen.

Fazit

Thea Dorns Breifroman ist ein mitreißendes und ermutigendes Buch, eine flammende Rede an die Freiheit und ein sehnsüchtiger Schrei nach Leben, der in dem bekannten und tröstlichen Gelassenheitsgebet des US-amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr verhallt, ein weiser Dreispruch, an dem sich nicht nur Johanna, sondern viele von uns in diesen Zeiten abarbeiten:

„Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Das Buch

„Trost. Briefe an Max“, am 8. Februar 2021 im Penguin Verlag erschienen, ist für 16,50 € im Buchhandel vor Ort oder auch bei der sozialen Online-Buchhandlung buch7.de erhältlich.

Thea Dorn
Trost. Briefe an Max
Hardcover, 176 Seiten
Penguin Verlag, 2021
ISBN: 978-3-328-60173-9

 


Die Autorin Thea Dorn

Thea Dorn, geboren 1970, studierte Philosophie und Theaterwissenschaften in Frankfurt, Wien und Berlin und arbeitete als Dozentin und Dramaturgin. Sie schrieb eine Reihe preisgekrönter Romane und Bestseller, Theaterstücke, Drehbücher und Essays und moderierte die Sendung „Literatur im Foyer“ im SWR-Fernsehen. Seit März 2020 leitet sie das „Literarische Quartett“ des ZDF. Thea Dorn lebt in Berlin. (Quelle: Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH)

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