Traditionelles Heilsystem der Tibeter

Traditionelle Tibetische Medizin

Traditionelles Heilsystem der Tibeter
© Pixabay

von Martina Seifert, Texterin, Lektorin, Yogalehrerin

Allgemeines

Die Traditionelle Tibetische Medizin ist ein eng mit dem indischen Ayurveda verwandtes und buddhistisch geprägtes Medizinsystem aus Tibet. Im Zentrum dieser ganzheitlichen Medizin stehen die sogenannten Nyes pa, die den Doshas im Ayurveda entsprechen, und idealerweise in jedem Menschen zu einem Drittel vorkommen.

Ursprünge der Tibetischen Medizin

Die Traditionelle Tibetische Medizin kommt bis heute, – parallel zur westlichen Medizin, – in Tibet, Nepal und Indien zum Einsatz. Der 14. Dalai Lama ist Fürsprecher und Förderer der Traditionellen Tibetischen Medizin. Ihre Ursprünge liegen bereits vor dem 8. Jahrhundert in vorbuddhistischer Zeit, belegt durch Dokumente des Bön (tibetisch: Bon), der vor der Etablierung des Buddhismus im Tibet vorherrschenden Kultur, Religion und schamanisch-ganzheitlichen Heillehre. Später beeinflussten sich die beiden Traditionen Bön und Buddhismus wechselseitig in ihren Praktiken und Glaubensgrundsätzen. Zudem brachten buddhistische Mönche das Heilsystem Indiens, das Ayurveda nach Tibet. Später floss auch die Elementenlehre in die Traditionelle Tibetische Medizin ein, die insbesondere für die Arzneimittelherstellung und die Ernährungslehre von Bedeutung ist. Hinzu kommt der Einfluss der medizinischen Erkenntnisse der Antike aus dem Mittelmeerraum, ein Wissen, das bis in unmittelbare Nähe Tibets reichte, wo sich ein reger Austausch zu den verschiedenen Praktiken entwickelte.

Der Begriff der Gesundheit in der Tibetischen Medizin

Die tibetische Heilkunst begreift den Menschen als Teil eines grenzenlosen übergeordneten Netzwerkes. Alles ist miteinander verbunden und beeinflusst sich gegenseitig. Dieses Netzwerk, bestehend aus den fünf Elementen (Wandlungsphasen) Erde, Feuer, Luft (Wind / Metall), Wasser und Äther (Raum / Holz), wird auch Makrokosmos genannt. Der Mensch ist aber nicht nur Teil dieses alles umfassenden Netzwerkes, sondern bildet gleichzeitig ein eigenes aus eben diesen fünf Elementen bestehendes Netz, den Mikrokosmos.

Nyes pa - die tibetische Konstitutionslehre

Befinden sich die fünf Elemente bei einem Menschen im Gleichgewicht, gilt er als gesund. Da die Elemente aber nur schwer gemessen werden können, die tibetische Medizin die Kostitutionslehre der Nyes pa (Aussprache: Nyä pa) entwickelt. Die Nyes pa übernehmen nicht nur bestimmte lebenswichtige Aufgaben im Körper, sondern fungieren auch als Mechanismen, welche die Persönlichkeit, Konstitution und Gesundheit des Menschen steuern und beeinflussen. Es wird unterschieden zwischen drei verschiedenen Nyes pa:

1. Wind (Lung); Element Luft
2. Galle ( Tripa); Element Feuer
3. Schleim (Beken); Element Erde/Wasser

Lung

Lung bezeichnet die Luft, die wir atmen, sowie den Wind in unseren Verdauungsorganen, und unterstützt das Wachstum, die Beweglichkeit des Körpers und Geistes sowie die Aus- und Einatmung. Lung hat kühlenden Charakter, aus dem sich Kältekrankheiten entwickeln können. Ein Überschuss an Lung führt zu einem der drei (buddhistisch geprägten) Geistesgifte: die Begierde oder Anhaftung.
Menschen dieses Konstitutionstyps sind meist fantasievoll, intelligent, künstlerisch veranlagt und kreativ. Sie sind besonders anfällig für Blähungen, Gelenkprobleme, psychische Störungen, Schlafstörungen, Stress sowie trockene, spröde Haut.

Tripa

Die Tripa-Energie steht für Hitze/Feuer. Die Quelle dieses Energieflusses ist die Leber. Gerät die Tripa-Energie ins Ungleichgewicht, werden Leber und Galle überlastet oder funktionieren nur noch eingeschränkt. Da die Augen im Tibetischen als die Blumen der Leber betrachtet werden, können tibetische Ärzt*innen eine Überlastung der Leber in den Augen oder auch an einer Sehschwäche erkennen. Antriebslosigkeit, Kraftlosigkeit, Müdigkeit und ein generell unangenehmes Körpergefühl können auf eine schwache Leber hindeuten. Neben Leber- und Galle-Problemen gehören auch entzündliche Krankheiten, fettige Haut, Hautentzündungen, Pickel und Rötungen zu den Krankheitsbildern bei überschüssiger Tripa-Energie. Ist Tripa übermäßig stark ausgeprägt, führt dies zu Hass. Menschen dieses Konstitutionstyps sind meist sehr aktiv, durchsetzungsstark, mutig und sportlich.

Beken

Die Körperenergie Beken entspricht dem flüssigen Aspekt des Körpers. Alle Körperflüssigkeiten sind auf Beken angewiesen (einschließlich der Gelenke). Beken wahrt die Weichheit und Elastizität des Körpers. Gleichzeitig sorgt Beken für Stabilität des Körpers und des Geistes in Form von Geduld sowie für guten Schlaf. Die Körperenergie verbindet und schmiert die Gelenke, fördert die körperliche und geistige Toleranz und glättet den Körper. Menschen mit einem Überschuss an Beken neigen zur Fettleibigkeit, das Verdauungsfeuer kühlt ab, verursacht Schwere im Körper und verlangsamt den Stoffwechsel mit Zunahme des Schleims. Wenn Beken übermäßig stark ausgeprägt ist, neigen die Betroffenen zu Egoismus und Selbstüberschätzung, was in der Tibetischen Medizin als Verblendung gilt. Menschen dieses Konstitutionstyps sind praktisch veranlagt, verfügen über Ausdauer und ein sehr strukturiertes Denken.

Die drei Nyes pa Lung, Tripa und Beken stehen bei jedem Menschen in einem individuellen Verhältnis gemäß eines bestimmten Konstitutionstypen mit spezifischen Eigenschaften, Beschwerden oder Krankheiten. Aus den drei Energien ergeben sich folgende Konstitutionstypen:

  • die Aktiven
  • die Denker*innen
  • die Gewinner*innen
  • die Glückskinder
  • die Impulsiven
  • die Powertypen
  • die Starken

Der Online-Padma-Typentest nach der tibetischen Konstitutionslehre verrät Ihnen, welcher Konstitutionstyp Sie sind.

Wie Krankheiten entstehen

Die Nyes pa sind dem ständigen Wandel unterworfen. Sie können sich nicht nur mit den Jahreszeiten verändern, sondern auch im Verlaufe eines einzigen Tages. Da die Nyes pa eng mit dem Charakter eines Menschen verknüpft sind, kann sich sehr schnell eine Dysbalance entwickeln. Geraten die drei Grundenergien ins Ungleichgewicht, können Krankheiten entstehen. Begleitfaktoren wie Dauer der Dysbalance, ungesunde Ernährung und Lebensweise sowie Dämonen und Geister begünstigen die Entwicklung bestimmter Krankheitsbilder. In der Tibetischen Medizin sind 404 Krankheiten und 84.000 Störungen bekannt. Bei der Entwicklung von Krankheiten spielen demnach verschiedene Faktoren eine Rolle, auf die der Mensch zu einem großen Teil selbst Einfluss üben kann, indem er beispielsweise geeignete Lebensmittel zu sich nimmt, ein ausgeglichenes (spirituelles) Leben führt und/oder bestimmte heilende Substanzen zu sich nimmt.

Diagnostik und Therapie in der Tibetischen Medizin

Um ein mögliches Ungleichgewicht der Nyes pa zu erkennen, diagnostizieren tibetische Ärzt*innen vor allem mittels der Pulsdiagnose und intensiver Befragung. Hinzu kommen Zungendiagnostik und Urinuntersuchung. Um das Gleichgewicht wieder herzustellen, werden Ernährung und Lebensweise entsprechend angepasst. Erst wenn diese Maßnahmen nicht zum gewünschten Ziel führen, verschreiben die Ärzt*innen ein Arzneimittel. Die traditionellen tibetischen Medizinpräparate bestehen aus Kombinationen von bis zu 100 verschiedenen Substanzen, um die toxische Wirkung mancher Pflanzen zu entschärfen und eine sanfte Heilung ohne Nebenwirkungen zu ermöglichen.

Spirituelle Kräfte verstärken die Heilwirkung

Eine wesentliche Bedeutung bei der Herstellung der Arzneimittel kommt dem „spirituellen Kraftaufladen“ zu, und zwar in Form von genau vorgeschriebenen Ritualen (das Rezitieren von Medizinmantras sowie Achtsamkeit und Meditation), welche die rein biologische Subtanzwirkung verstärken sollen. Denn die Traditionelle Tibetische Medizin ist zutiefst davon überzeugt, dass die Heilkraft der Pillen, entsprechend gesegnet sowie energetisch gereinigt und mit heilender Energie aufgeladen, wesentlich stärker ist als die reinen biologischen Substanzen.

Tibetische Pille aus der Schweiz – Padma 28

Die Padma AG in Zürich stellt entsprechend der Schweizer Arzneimittelgesetzgebung Fertigpräparate nach tibetischen Rezepturen her, die sogar von den Krankenkassen erstattet werden. Die Forschung konzentriert sich vor allem auf die Pille Padma 28 mit bis zu 22 Inhaltsstoffen, deren ursprüngliche Rezeptur aus Burjatien stammt. Das pflanzliche Heilmittel mit antibakteriellen, durchblutungsfördernden, entzündungshemmenden und immunstimulierenden Wirkungen ist für Atherosklerose und alle Formen von Gefäßerkrankungen sowie Tinnitus und Sehstörungen zugelassen und kommt mit Erfolg zum Einsatz. Außerdem gilt Padma 28 als Hoffnungsträger für die Hepatitis- und ergänzende Krebstherapie.

Die Deutsche Apotheker Zeitung schreibt dazu in ihrem Artikel: „Phytotherapie: Tibetische Arzneien auf dem Prüfstand“:

„Der Einfluss von Padma 28 auf viele Einzelschritte des multifaktoriellen Entzündungsgeschehens und antiatherogene Aktivitäten konnte bereits in zahlreichen In-vitro-Studien aufgezeigt werden.“

Ein Artikel von Martina Seifert

Freie Autorin, Text, Lektorat

Hegede 6
33617 Bielefeld

www.martinaseifert.de

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