Pflanze mit großer Heilkraft

Myrrhe – Arzneipflanze des Jahres 2021

Pflanze mit großer Heilkraft

von Martina Seifert, Texterin, Lektorin, Yogalehrerin

Der interdisziplinäre Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde hat den Myrrhenbaum zur Arzneipflanze des Jahres 2021 gewählt. Dem Balsam-Gewächs kommt nicht nur in der Kultur- und Medizingeschichte große Bedeutung zu. Auch die moderne Forschung schenkt der Myrrhe und ihrem Heilungspotential zunehmend Aufmerksamkeit, insbesondere ihrem entzündungshemmenden Wirkungsmechanismus.

Pflanzenkundliches zur Myrrhe

Die Myrrhe (Commiphora myrrha) zählt zur Familie der Balsambaumgewächse. Die dornige Pflanze, die als ausgewachsener Baum eine Höhe von bis zu drei Metern erreichen kann, ist in Afrika (Äthiopien, Dschibuti, Kenia, Somalia) und auf der arabischen Halbinsel (Oman und Jemen) beheimatet. Das begehrte Myrrhenharz entsteht aus dem spontan oder nach Verletzungen aus der Baumrinde herausfließenden, trocknenden, grau- oder gelbbraunen Milchsaft. Das aromatisch duftende Harz schmeckt würzig bis sehr bitter und enthält bis zu 10 % ätherisches Öl. Mit dem desinfizierenden Harz versucht die Myrrhe, ihre Wunden zu schließen und sich vor unliebsamen Eindringlingen zu schützen.

Zur Arzneimittelgeschichte der Myrrhe

Die Myrrhe ist eines der ältesten Heilmittel der Menschheit. Das kostbare, wohlriechende Harz genoss bereits im Altertum große Wertschätzung und wurde über weite Strecken transportiert und gehandelt. Bis in das 4. und 5. Jahrhundert vorchristlicher Zeit kam die Myrrhe vor allem bei kultischen Räucherungen in Tempeln zur Anwendung. So opferten beispielsweise die alten Ägypter dem Sonnengott Ra Myrrhe. Altägyptische Texte zeugen außerdem von dem großen Nutzen des Gewächses als Heilpflanze mit Rezepturen für die Behandlung von Husten oder Wunden. Darüber hinaus verwendeten die Ägypter, wie auch die Juden, Myrrhe, um ihre Toten einzubalsamieren.

Biblisches Heilmittel Myrrhe

Im Alten Testament findet die Myrrhe als einer der wichtigen Bestandteile des heiligen Salböls ihre Erwähnung (2. Buch Mose (Ex 30, 23-25)). Am bekanntesten aber ist wohl besagte Textstelle im Neuen Testament, wo die Weisen aus dem Morgenland dem Jesuskind die in der damaligen Zeit bedeutendsten Heilmittel, Gold, Weihrauch und Myrrhe, überreichen (Matthäus 2, 1-12). König Salomo besingt im Hohelied der Liebe ebenfalls die Heilpflanze, allerdings nicht nur den wertvollen, würzig-warm duftenden Pflanzensaft, sondern das Gewächs als Ganzes: „Mein Freund ist mir ein Büschel Myrrhen, das zwischen meinen Brüsten liegt (1. Korinther 13).

Auch im Orient und in Asien wurde die heilende Wirkung der Myrrhe sehr geschätzt, um Wunden, Geschwüre und Eiterungen zu behandeln. Orientalische Frauen nutzten die geruchtilgende Wirkung des Harzes und die traditionelle indische Heilkunst Ayurveda verwendet bis heute Myrrhe zur Behandlung von rheumatischen Beschwerden und erhöhtem Cholesterinspiegel.

Der bekannte griechische Arzt Pedanios Dioskurides (um 50/60 n. Chr.) erwähnt das Balsam-Gewächs in seinem berühmten Arzneibuch Materia medica (Heilende Substanz). Das seinem Lehrer Areios von Tarsos gewidmete medizinische Werk führt rund 1.000 Arzneimittel (Mineralien, Pflanzen und Tiere) an mit mehr als 4.500 therapeutischen Anwendungen, darunter auch die Myrrhe, die bei chronischem Husten, Brustschmerzen sowie bei starkem Durchfall und Nierenleiden empfohlen wird.

Mittelalter – von Ibn Sina bis Hildegard von Bingen

Im Mittelalter wird die Myrrhe vor allem zur Linderung von Beschwerden des Verdauungstraktes eingesetzt wie zum Beispiel von dem persischen Naturwissenschaftler Ibn Sina (lat.: Avicenna; 980 - 1037 n. Chr.) und von der Schule von Salerno, eine im 10. Jahrhundert entstandene medizinische Lehr- und Forschungsanstalt in Süditalien, die als eine der ältesten Universitäten Europas eine eigenständige abendländische Medizin entwickelte.

Hildegard von Bingen (1098 – 1179) erwähnt in ihren Handschriften der Naturkunde in zwei Kapiteln die Myrrhe und beschreibt detailliert die Anwendung der Rinde bei Gelbsucht und Lähmungen sowie die äußerliche Anwendung des Harzes bei Magenschmerzen und die Einnahme bei Fieber. In den Kräuterbüchern des 15./16. Jahrhunderts konzentriert sich die Äbtissin, Mystikerin und Naturheilkundige in ihren Ausführungen auf die Anwendung des Balsam-Gewächses bei Beschwerden in den Atemwegen und des Verdauungstraktes.

Myrrhe in der modernen Forschung

Auch heute spielen die verschiedenen Wirkungsweisen der Myrrhe in der Forschung eine beachtliche Rolle ein. Bei Untersuchungen des Harzes wurden bereits zahlreiche pharmakologisch bedeutsame Stoffe entdeckt, die auf weitere therapeutische Wirkmechanismen hinweisen. Besonders intensiv wurden klinischen Studien zu den Effekten bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen und Reizdarm durchgeführt, speziell bei Colitis ulcerosa und Morbus Crohn. Neben dem kostbaren Harz werden auch weitere Bestandteile des Balsam-Gewächses erforscht.

Kombiniert mit Kaffeekohle und Kamille wird die Myrrhe in Tablettenform schon seit mehr als 50 Jahren erfolgreich zur Unterstützung der Magen-Darm-Funktion eingesetzt. Eine 2008 bis 2010 durchgeführte Studie der Kliniken Essen-Mitte, die zu den führenden Einrichtungen für Naturheilkunde und integrativen Medizin gehören, ergab, dass die Myrrhe-Arznei die beschwerdefreien Phasen bei Colitis ulcerosa ebenso wirksam unterstützt wie die Standardtherapie mit Mesalazin. (s.: Langhorst J. et al., Randomized, double-blind, double-dummy, multicenter trial of a herbal preparation of myrrh, camomile and coffee coal compared to mesalamine in maintaining remission in ulcerative colitis. Gastroenterology; 2011, 5, Supplement 1, S 264 als Abstract)

Eine weitere 2013 durchgeführte Studie der Universität Leipzig bestätigte erstmalig wissenschaftlich die spasmolytische Wirkung der Myrrhe und entschlüsselte den entsprechenden Wirkmechanismus. (s.: Vissiennon C et al., Calcium antagonistic effects of ethanoli myrrh extract in inflamed smooth muscle preparations)

Eine Untersuchung der Uni Leipzig von 2016 ergab, dass eine Kombination der Heilpflanzen Myrrhe, Kamille und Kaffeekohle die Genexpression und die Proteinfreisetzung der Makrophagen positiv beeinflusst. (s.: Vissiennon, C. et al.: Chamomile flower, myrrh and coffee charcoal – components of a traditional herbal medicinal product – diminish pro-inflammatory activation in human macrophages)

Untersuchungen der King Saud Universität in Saudi Arabien von 2016 bestätigen ebenfalls, dass Myrrhe entzündliche Prozesse verringert. (s.: Fatani, A. J. et al.: Myrrh attenuates oxidative and inflammatory processes in acetic acid-induced ulcerative colitis). Auch aktuelle Studien der Universität Regensburg von 2020 ergaben, dass Myrrhe Entzündungen im Darm lindern kann. (s. : Anti-Inflammatory and Barrier-Stabilising Effects of Myrrh, Coffee Charcoal and Chamomile Flower Extract in a Co-Culture Cell Model of the Intestinal Mucosa)

Myrrhe in der Naturheilkunde

Im Handbuch der Klosterkunde empfehlen Dr. Johannes Gottfried Mayer, Dr. Bernhard Ueleke und Pater Kilian Saum, Experten der Naturheilkunde und Physiotherapie, den Einsatz von Myrrhe bei ersten Anzeichen von Halsschmerzen sowie Entzündungen im Mund. Die Klosterheilkunde rät entsprechend, sich in der Apotheke eine Lösung zu gleichen Teilen aus Myrrhen-, Salbei-, Bibernelle- und Kamille-Tinktur zu bestellen. Die Lösung enthält die schleimlösenden Bitterstoffe und Saponine der Myrrhe und Bibernelle, die desinfizierenden Stoffe des Salbeis und die entzündungshemmenden der Kamille. Erwachsene geben 20 Tropfen der Lösung in ein halbes Glas warmes Wasser (Kinder 10 Tropfen) und gurgeln die Mischung kräftig.

Eine weitere Empfehlung der Klosterheilkunde bei Entzündungen des Mund- und Rachenraumes ist eine Tinktur aus Myrrhe und Blutwurz. Die schleimlösenden Myrrhe-Stoffe wirken zusammen mit den zusammenziehenden Gerbstoffen der Blutwurz. Eine entsprechende Lösung aus 30 ml Blutwurz-Tinktur und 50 ml Myrrhen-Tinktur kann ebenfalls in der Apotheke bestellt werden. Die Tinktur wird auf die verletzte Schleimhaut aufgetragen und vorsichtig einmassiert. Bei weniger starken Schmerzen können Erwachsene auch 20 Tropfen (Kinder 10 Tropfen) der Tinktur in ein Glas warmes Wasser geben und dieses kräftig gurgeln. Auch die anthroposophische Medizin empfiehlt das Myrrhenharz mit seiner desinfizierenden, zusammenziehenden Wirkung bei Entzündungen im Mund, Rachen und am Zahnfleisch.

Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde

Bereits seit 1999 wählt der interdisziplinäre Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde die Arzneipflanze des Jahres, um auf die wertvolle Medizingeschichte und den großen Nutzen der Heilpflanzen für die pharmazeutische Anwendung aufmerksam zu machen.

Ein Artikel von Martina Seifert

Freie Autorin, Text, Lektorat

Hegede 6
33617 Bielefeld

www.martinaseifert.de

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