Methodenporträt einer Heilnetzerin

Lebens-Integrations-Prozess

Methodenporträt einer Heilnetzerin
Foto: Lizenzfrei von Pixabay

von Conny Dollbaum-Paulsen

Mirja Heunemann ist begeistert von einer Methode, die den meisten Menschen und auch Therapeut*innen wohl unbekannt ist - der Lebens-Integrations-Prozess nach Wilfried Nelles, kurz: LIP-Prozess, ist ein außergewöhnliches Werkzeug und Mirja Heunemann macht deutlich, warum das so ist.

Entspannung statt Selbstoptimierun: Der Lebensintegrationsprozess (LIP) nach Wilfried Nelles

HN: Was fasziniert dich am allermeisten an diesem Ansatz? Mit anderen Worten: Womit hat sie dein Herz überzeugt?

Mirja Neunemann:
Worauf mein Herz sofort angesprochen hat, ist, dass es bei Aufstellungen mit dem Lebensintegrationsprozess (LIP) „nur“ darum geht, sich anzuschauen, was gerade ist. Es gibt keinen Selbstoptimierungsdruck im Sinne von „daran musst du noch arbeiten“ oder „dies musst du noch loslassen“ und ähnliches. Stattdessen geht es hier darum, mit dem Herzen zu schauen und gleichzeitig im Hier und Jetzt zu bleiben.

Es fasziniert mich immer wieder – ob ich nun selbst einen LIP durchlaufe oder diesen als Aufstellerin begleite – wie tiefgehend dieser Prozess wirkt, bei dem ich mir selbst und meinem So Sein begegne. Diese tiefe Berührtheit, die in mir entsteht, wenn ich auf meine einzelnen Lebensphasen als Kind im Mutterleib, während der Kindheit und der Jugend schaue und mir über die Stellvertreter entgegenkommt, was aus diesen einzelnen Phasen noch gesehen werden will. Und dann quasi hautnah zu erleben, dass es nicht darum geht, irgendwas zu ändern.

Zu spüren, dass alles, was in meinem Leben bisher war, sowohl Freudvolles als auch Schmerzvolles, zu mir gehört. Dass es darum geht, alles so zu lassen, wie es war, ohne Reue, ohne Vorwurf, ohne Scham und zu erleben, wie sich dann Entspannung einstellt. Diese bestimmte Haltung dem Leben gegenüber, die ich bereits aus der Gewaltfreien Kommunikation kenne, erfahre ich beim LIP nun nochmal in einer ganz neuen Tiefe und Qualität.


HN: Wie war dein erster Kontakt mit dieser Methode? Hat sie dich direkt erreicht oder war es Liebe auf den zweiten Blick?

Mirja Neunemann:
Meinen ersten LIP habe ich im Rahmen eines Aufstellungsseminars erlebt. Obwohl ich nur als Beobachterin dabei war, war ich sehr beindruckt von der Intensität dieses Prozesses. Als ich dann später meinen eigenen LIP durchlaufen habe, war ich fasziniert und verwundert zugleich über die Leichtigkeit und gleichzeitige Tiefe meines Prozesses. Die Wirkung habe ich noch lange Zeit danach gespürt. Diese Form der Aufstellungsarbeit hat mich bis heute nicht mehr losgelassen – kein Wunder, dass ich auch die Ausbildung zur Aufstellerin mit diesem Schwerpunkt durchlaufen habe.


HN: Was ist das besondere Geschenk gerade dieser Methode? Was macht sie einzigartig?

Mirja Neunemann:
Für mich ist das Besondere, dass ich für einen LIP kein „Problem“ brauche und es auch nicht um Beziehungen zu anderen geht. Es geht allein um mich und mein Leben. Indem ich StellvertreterInnen für mich für die Zeit im Mutterleib, während der Kindheit und der Jugend wähle, habe ich die Möglichkeit, das zu sehen und zu mir zu nehmen, was aus diesen Phasen noch heute unterschwellig wirkt.

Manchmal bin ich z.B. mit einem kindlichen Gefühl noch derart identifiziert, dass ich dies oft nicht einmal merke. Dann kann es sein, dass ich in bestimmten Lebenssituationen nicht wie eine erwachsene Frau sondern z.B. wie ein 5jähriges Kind reagiere, mir dies aber nicht bewusst ist. Der LIP ist daher eine Form der Schattenarbeit. Das, was mir bisher nicht zugänglich war, gelangt ans Licht und kann integriert werden. Dadurch kann sich das, was mich möglicherweise lange gequält hat, entspannen. Wenn es mir gelingt in Einklang zu sein mit dem, was ich heute bin und was mich dahin
gebracht hat, komme ich (wieder) in Kontakt mit meinem ganz eigenen, ursprünglichen Potential, das sich entfalten will.


HN: Wenn du die Methode mit 5 Worten beschreiben müsstest – welche Worte würden dir einfallen?

Mirja Neunemann:
respektvoll – tiefgründig – wertfrei – hoch wirksam


HN: Was passiert mit mir, wenn ich als Patientin, Klientin oder Kundin zu dir komme und du mit dieser Methode arbeitest?

Mirja Neunemann:
Wer diese Methode erleben möchte, hat im Rahmen meiner Aufstellungsseminare die Gelegenheit, entweder selbst einen LIP zu durchlaufen oder als StellvertreterIn an einem solchen teilzunehmen.

Ein LIP läuft normalerweise folgendermaßen ab:

  • Alle Teilnehmenden und ich als Aufstellerin sitzen in einem Kreis. Neben mir ist ein Stuhl frei.
  • Die Bodenanker für die sieben Bewusstseinsstufen (Stufe 1: Ungeborenes Kind, Stufe 2: Kindheit, Stufe 3: Jugend, Stufe 4: Erwachsener, Stufe 5: Reifer Erwachsener, Stufe 6: Alter, Stufe 7: Tod) liegen im Kreis auf dem Boden.
  • Mit der Klientin führe ich ein kurzes Gespräch über ihr Anliegen und ihre Lebenssituation.
  • Kommt es zum LIP, dann steht die Klientin auf der Position des Erwachsenen (Stufe 4) und schaut von dort auf ihre früheren Lebensstufen 1-3, die jeweils durch StellvertreterInnen repräsentiert werden.

Als Aufstellungsbegleiterin lege ich viel Wert darauf, dass die Klientin in gutem Kontakt zu sich selbst und ihrem inneren Erleben ist. Die Rückmeldungen der StellvertreterInnen zu dem, was sie körperlich und emotional spüren, tragen ebenfalls dazu bei, dass nach und nach das innere Bild, das die Klientin von der jeweiligen Bewusstseinsstufe in sich trägt, sichtbar wird. Damit dies gelingt, geht es darum, mit dem Herzen zu schauen und gleichzeitig im Hier und Jetzt zu bleiben. Auf diese Weise wird das, was bisher nicht gesehen wurde und gleichzeitig unbewusst wirkte, gesehen und kann sich dadurch entspannen.

HN: Wo hat der LIP-Prozess seine Wurzeln? Ist das für dich wichtig oder hat es keine Relevanz?

Mirja Neunemann:
Der LIP entstand aus dem Modell der sieben Bewusstseinsstufen (Stufe 1: Ungeborenes Kind, Stufe 2: Kindheit, Stufe 3: Jugend, Stufe 4: Erwachsener, Stufe 5: Reifer Erwachsener, Stufe 6: Alter, Stufe 7: Tod), das Wilfried Nelles vor etwa 10 Jahren entwickelt hat und in seinem Buch „Das Leben hat keinen Rückwärtsgang“ ausführlich beschreibt.

Das ist für mich wichtig, da ich durch die Auseinandersetzung mit seinem Modell der Bewusstseinsentwicklung noch einmal ganz andere Einblicke und ein ganz anderes Verständnis von Aufstellungsarbeit erhalten habe. Mit dem Bewusstseinsmodell von Wilfried Nelles ist für mich auch eine entsprechende innere Haltung verbunden. Diese findet Eingang in all meine anderen Angebotsformate – sei es bei der Einzel- oder Paarberatung oder bei der Arbeit mit Gruppen. Die einzelnen Bewusstseinsstufen des LIP laufen bei meiner Arbeit also immer im Hintergrund mit. D

urch die Auseinandersetzung mit dem LIP habe ich auch nochmal ein viel tieferes Verständnis und einen tieferen Zugang zur Haltung der Gewaltfreien Kommunikation bekommen.


HN: Gibt es ähnliche Ansätze? Wenn ja: Was ist der wichtigste Unterschied?

Mirja Neunemann:
Der Unterschied von LIP-Aufstellungen zu Familien- oder Systemaufstellungen liegt zum einen darin, dass ich wie bereits erwähnt, kein „Problem“ brauche und es auch nicht um Beziehungen zu anderen oder meine Rolle bzw. meinen Platz im System geht. Es geht allein um den Einzelnen und seine innere Haltung zu sich selbst.

Zum anderen zeigt sich der Unterschied klar in der phänomenologischen Haltung und dem zugrunde liegenden Bewusstseinsmodell nach Wilfried Nelles. Phänomenologische Haltung meint, dass meine Aufmerksamkeit hauptsächlich bei mir selbst ist und ich eher „nebenbei“ spüre, was bei dem anderen ist. Wenn ich wirklich im Kontakt sein will, muss ich mich selbst spüren. Das bedeutet auch, ich schaue völlig absichtslos auf den Klienten. Ich bin für ihn da, er kann mit allem, was ist zu mir kommen. Ich will sonst gar nichts über ihn wissen, bin einfach nur da. Es geht um das offene Sich-Einlassen auf den anderen und gleichzeitig auf das, was bei mir ist. Ich bin mit meinem Blick da und bleibe gleichzeitig bei mir selbst. Es geht nicht darum, etwas aufzudecken, sondern darum, etwas aufzunehmen. Man sieht z.B., dass in der Kindheit und Jugend viel Schmerz war. Im LIP muss ich nicht wissen oder aufdecken, was im Einzelnen war – und trotzdem oder gerade deswegen wirkt der Prozess sehr tief.

Folgendes Zitat von Wilfried Nelles ist für mich eine treffende Zusammenfassung: „Der LIP beruht auf der Einsicht, dass unser Leben mit allem, was sich darin ereignet hat, völlig alternativlos ist, und dass in diesem Sinne alles „richtig“ ist, wie es ist und wie es war. Zweitens folgt er der Erkenntnis, dass die Vergangenheit – außer in unseren Köpfen – nicht existiert. Die Vergangenheit ist das, was vergangen ist, und wenn es vergangen ist, existiert es nicht mehr. Alles, was existiert, ist jetzt. Die Vergangenheit belastet uns nur in dem Maße, in dem wir (oft unbewusst, z.B. infolge eines Traumas) tief im Innern nicht realisiert haben, dass sie vorbei ist, oder ihr Bedeutung verleihen, weil wir sie nicht loslassen wollen. Daher liegt der gesamte Fokus der Arbeit im Jetzt.

Wir schauen zwar auf frühere Lebensstufen (die Zeit im Mutterleib, die Kindheit und die Jugend), aber nur in der Weise, dass wir das, was sich zeigt, er-innern (das heißt, es zu uns nehmen ohne jede Veränderung). Die Ursache für unsere Probleme wird nicht in den Ereignissen selbst gesehen, sondern einzig und allein darin, wie wir jetzt dazu stehen.

Vielen Dank an Mirja Heunemann für das spannende Schrift-Gespräch und die differenzierten Antworten!

Ein Artikel von Mirja Heunemann

Mediatorin, Trainerin Gewaltfreie Kommunikation, Aufstellerin DGfS

BegegnungsImpulse - Professionelle Begleitung in Veränderungsprozessen

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